Erstellt von Ulla Arens

Kann man seine Kinder und Enkel gleich lieben?

Kann man seine Kinder und Enkel gleich lieben?
Kann man seine Kinder und Enkel gleich lieben?

Familienstrukturen sind komplex und einzigartig. | Bild: iStock

Nein, kann man nicht, meint ‚Leben jetzt‘-Redakteurin Ulla Arens. Und erklärt, warum das auch in Ordnung ist

Meine beiden Söhne fläzen auf dem Sofa, reißen sich gegenseitig die Fernbedienung aus der Hand und streiten lautstark darüber, welche Serie auf Netflix geschaut wird.

Manche Dinge ändern sich nie, denke ich gelassen. Nach über 20 Jahren Zank-Erfahrung weiß ich, dass sie sich bald wieder vertragen. Prompt höre ich sie gemeinsam lachen.

Kaum zu glauben, dass ich mir damals, als der Jüngere nur ein Punkt im Ultraschall war, nicht vorstellen konnte, ihn so sehr zu lieben wie seinen Bruder. Aber mit seiner Geburt begriff ich, dass Mutterliebe nichts mit Mathematik zu tun hat. Ein ganzes Herz für den einen plus ein ganzes Herz für den anderen, klingt unlogisch, ich weiß. Emotional stimmt die Rechnung aber.

Die Liebe ist nicht immer gleich

Das heißt jedoch nicht, dass ich sie auch immer gleich liebe. Wie auch? Meine Söhne sind zwei völlig unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Als sie noch klein waren, verband mich mit meinem Kleinen eine schwerelose, heitere Art der Liebe. Weil er so unbändig fröhlich war, ein Mamakind, das ständig kuscheln wollte. Und weil ich mich selbst in ihm gesehen habe. Diese gefühlte Seelenverwandtschaft hat es mir besonders leicht gemacht, ihn zu lieben.

Die Beziehung zu meinem Großen war hingegen durch Sorgen belastet. Weil man beim Erstgeborenen ohnehin unsicherer ist. Außerdem war er oft krank und ich verzweifelt, weil ich nicht helfen konnte.

Das hat sich inzwischen geändert. Momentan ist der Große der Selbstbewusste, Heitere, der mich zum Lachen bringt. Und der Jüngere das Sorgenkind, das noch nicht weiß, wie es mal beruflich weitergehen soll. Er braucht deshalb viel Zuwendung, was für unsere Beziehung mitunter anstrengend sein kann.

Natürlich sind meine Gefühle auch von der Lebensphase und Tagesform meiner Söhne abhängig. Als sie Teenager waren, wurde derjenige unbeabsichtigt zu meinem Favoriten, der gerade nicht meine Nerven strapazierte. Heute steht derjenige, der mich anruft oder besucht, automatisch oben auf meiner Liebes-Liste. Ein Sohn mit Grippe, Liebeskummer oder einer missglückten Hausarbeit ebenfalls. Aber wer meine Wohnung als Airbnb missbraucht und Chaos verbreitet, bringt mein Herz nicht zum Hüpfen.

Beziehung zu den Großelltern

Liebe lässt sich nicht gerecht aufteilen wie Gummibärchen. Es gibt Phasen, in denen man sich als Mutter (und natürlich als Vater) mal dem einen, mal der anderen näher fühlt. Doch so lange die grundsätzliche Liebe für beide da ist und die Kinder ansonsten gerecht behandelt werden, finde ich das auch in Ordnung.

Bei den Enkelkindern sei das nicht anders, sagt eine gute Freundin, die bereits drei hat. Nur dass die Liebe anders sei, unbelasteter, befreiter von Ängsten und Sorgen. Weil die Alltagsscharmützel wegfallen, Verantwortung und Pflichten in anderen Händen liegen. Erwartungen, Hoffnungen, Zukunftspläne für das Kind sind Sache der Eltern. Die dürfen sich auch über schlechte Schulnoten, Wutanfälle und Widerworte ärgern. So habe sie einen ganz offenen, unverstellten Blick auf die Enkel, meint die Freundin. Sie kann einfach nur das tun, wofür man als Oma da ist: Die Enkel lieb haben. Jeden auf seine Weise. 

Weitere Texte rund um das Familienleben finden Sie in unserer Zeitschrift.

Zur Rubrik

Teilen