Auf das Leben - mit Johann Lafer
Beschreibung
Der Koch Johann Lafer spricht im Interview mit Peter Lewandowski über eine Diagnose, die seinen Blick auf Zeit verändert hat, über Angst und Mut, Familie und Freundschaft – und über den christlichen Glauben, der ihm Kraft und Hoffnung gibt.

Zeit als kostbares Geschenk
Und gab es heute schon einen kleinen Moment, in dem Sie gedacht haben: Dafür lohnt es sich, aufzustehen?
Diese Momente habe ich jeden Tag. Es gibt immer Spannendes zu erleben. Ich nehme solche Augenblicke heute bewusster wahr als früher. Damals war ich oft schon mit dem nächsten Termin beschäftigt. Heute versuche ich stärker, bei dem zu sein, was gerade passiert.
Gibt es etwas, von dem Sie früher dachten, es sei wichtig – und von dem Sie heute sagen: Darauf kommt es im Leben gar nicht an?
Alles miteinander zu wollen. Das schafft nur Unruhe. Ich war immer sehr ehrgeizig. Wenn etwas erfolgreich war, kam schon das nächste Projekt. Irgendwann merkt man, dass Erfolg einen auch antreiben kann, obwohl man längst genug erreicht hat. Heute frage ich mich häufiger: Muss ich das wirklich machen? Ist es mir wichtig? Macht es mir Freude?
Es gibt Momente im Leben, die den Blick auf das Wesentliche verändern. Was ist für Sie seit Ihrer Erkrankung wirklich wichtig geworden?
Mir Zeit zu nehmen. Zeit für die Menschen, die mir nahestehen, und Zeit, um das Leben bewusster zu genießen. Früher nahm ich sehr selbstverständlich an, dass morgen der nächste Tag kommt und danach noch einer. Eine solche Diagnose verändert diesen Blick. Zeit bekommt plötzlich einen anderen Wert.
Gibt es heute etwas, das Sie bewusster genießen als früher – weil Sie wissen, dass nichts selbstverständlich ist?
Ich sehe jeden einzelnen Tag als großes Geschenk. Das wird auch für die Zukunft gelten. Es müssen gar keine spektakulären Dinge sein. Spazieren gehen, Freunde treffen, gemeinsam essen oder einfach ein gutes Gespräch führen. Ich telefoniere wahnsinnig gern und halte den Kontakt zu Menschen, die mir im Laufe meines Lebens begegnet sind. Auch ein unerwarteter Anruf kann Freude machen. Solche kleinen Dinge nehme ich heute viel bewusster wahr.

Angst haben und trotzdem mutig sein
Viele Menschen erleben Sie als mutig. Gibt es trotzdem Tage, an denen Angst oder Verzweiflung Raum bekommen?
Natürlich gibt es diese Tage. Alles andere wäre nicht ehrlich. Ich versuche dann, mich abzulenken und gute Gespräche zu führen. Mut bedeutet für mich nicht, keine Angst zu haben. Entscheidend ist, sich nicht völlig von ihr bestimmen zu lassen.
Sie haben erzählt, dass Ihr Glaube Ihnen Kraft gibt. Wer ist Gott für Sie?
Gott ist für mich: Glaube, Liebe und Hoffnung.
Der Glaube begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich war Ministrant und wollte als Junge sogar Priester werden. Die Kirche war für mich ein Ort von Gemeinschaft und Geborgenheit. Das hat mich geprägt und ist bis heute in mir geblieben.

Wann fühlen Sie sich Gott besonders nahe – und worum bitten Sie ihn heute?
Ich fühle mich ihm besonders nahe, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die mir wichtig sind. Vielleicht zeigt sich Gott gerade in dieser Nähe und Liebe zwischen Menschen. Wenn ich bete, geht es nicht nur um mich. Ich bitte darum, das Leid der Menschen in Gefahr und Not zu lindern. Für mich bedeutet Beten auch, still zu werden und sich auf das Wesentliche zu besinnen.
Gibt es einen Satz aus der Bibel oder ein Gebet, das Sie durch schwere Zeiten begleitet?
Ja: „Gott ist unsere Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in Zeiten der Not.“ Psalm 46,2. Das heißt für mich nicht, dass einem im Leben nichts Schweres widerfährt. Aber der Glaube kann einem das Gefühl geben, auch in schwierigen Momenten nicht völlig allein zu sein.
„Auf Leben“
Herr Lafer – worauf hoffen Sie?
Auf Leben. Auf möglichst viel Zeit, auf Begegnungen, auf Reisen, gutes Essen und Neugier. Und darauf, nicht alles kontrollieren zu müssen. Vielleicht bedeutet Hoffnung genau das: darauf zu vertrauen, dass jeder einzelne Tag seinen Wert und seinen Sinn hat.
Johann Lafer im Porträt
Johann Lafer, 1957 in der Steiermark geboren, gehört zu den bekanntesten Köchen im deutschsprachigen Raum. Bekannt wurde er durch seine Restaurants, zahlreiche Kochbücher und viele Fernsehsendungen. Heute lebt er mit seiner Frau in Guldental in Rheinland-Pfalz und bleibt auch beruflich sehr präsent – mit kulinarischen Projekten, unter anderem für Lufthansa.
