Erstellt von Stuart Nessbach
Inspiration & Glaube

Wie sehen wir Gott?

Beschreibung

Foto: akg-images / Rabatti & Domingie

Gottesbilder in der Kunst - Als Herrscher, als alten Mann oder als reines Licht: Seit Jahrhunderten versucht die Kunst sichtbar zu machen, was sich eigentlich jeder Darstellung entzieht.

Die Mittagssonne lässt die über 11.000 Buntglas-Quadrate des riesigen Südquerhausfensters im Kölner Dom funkeln: Flirrendes Licht strömt mystisch in die Kathedrale und malt vielfarbige Reflexe auf Säulen, Wände und Boden. Der Künstler Gerhard Richter hat auf jede Gestalt verzichtet und stattdessen auf die Kraft der Abstraktion vertraut. Ist das seine Antwort auf eine der ältesten Fragen religiöser Kunst: Wie sieht Gott aus?

Das biblische Bilderverbot und die Sehnsucht nach einem Gottesbild

„Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Das biblische Bilderverbot in den Zehn Geboten (Ex 20,4) zieht hier eine radikale Grenze. Und doch erweist sich das Verlangen, dem Unsichtbaren ein Antlitz zu geben, als stärker als jedes Verbot. Diese Spannung – zwischen dem Gott, der sich jedem Bild entzieht, und dem Menschen, der ihn dennoch schauen will – ist die treibende Kraft der christlichen Bildtheologie.

Die Menschwerdung Gottes: Vom Bilderverbot zum Bilderauftrag

Aufgelöst wird sie durch einen einzigen theologischen Gedanken – die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Wenn Gott selbst in einem konkreten Menschen sichtbar und greifbar, ja darstellbar ist, dann verändert sich die Voraussetzung des Bilderverbots entscheidend: Gott hat ein menschliches Gesicht angenommen. So argumentierten die Verteidiger der Bilder im byzantinischen Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts. Johannes von Damaskus brachte es um 730 auf den Punkt: Wer das Bild Christi ablehnt, lehnt den menschgewordenen Sohn Gottes selbst ab. Offiziell bestätigte das Zweite Konzil von Nicäa 787, dass Darstellungen Christi und der Heiligen verehrt werden dürfen. Aus dem Verbot war, über Umwege, ein Bilderauftrag geworden.

Entscheidend blieb ein feines Detail, das schon die Kirchenväter festlegten: Die Verehrung gilt nie dem Bild selbst, sondern dem, den es darstellt – das Bild ist Fenster, nicht Ersatz. Es zeigt nicht Gottes verborgenes Wesen, sondern wie er sich dem Menschen offenbart – in Schöpfung und Menschwerdung. Genau darum konnte aus dem Verbot kein einheitliches Gottesbild hervorgehen, sondern eine vielstimmige Bildsprache. Mal erscheint Gott als einzelne Gestalt, mal als Vater, Sohn und Heiliger Geist in Gestalt einer Taube gemeinsam.

Gottesbilder in der Kunst: Schöpfer, Weltenherrscher und Erlöser

In dieser Ikonographie treten Gottes verschiedene Gesichter hervor, ohne dass je das eine, verbindliche Bild entsteht: Als Schöpfer ruft er Mensch und Welt ins Dasein, als Weltenherrscher thront er über der Schöpfung, als Liebender wendet er sich dem Menschen in Barmherzigkeit zu, als Erlöser zeigt er sich in Christus, als Offenbarer schließlich in den Visionen der Propheten. So viele Antworten auf die Frage nach dem Gesicht Gottes – und keine, die die letzte sein will.

 

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