Gregor Gysi eröffnet Gottesdienst-Reihe in der Heilig-Geist-Kirche
Beschreibung
Was bedeutet es heute, Gott zu begegnen? Unter dieser Leitfrage veranstaltet die Heilig-Geist-Gemeinde in Berlin Gottesdienste mit Ansprachen bekannter Persönlichkeiten. Den Auftakt machte am 18. Januar Gregor Gysi, der Alterspräsident des Bundestages. Seine Rede im Wortlaut finden Sie hier
- In diesem Jahr bin ich des Öfteren in Kirchen und Gemeinden eingeladen, teilweise sogar um, so wie heute, Predigten zu halten
- Ich muss noch darüber nachdenken, warum sich das gerade jetzt so häuft,
- →DDR geboren, Rinderzüchter, BT 2002, Orden wider den tierischen Ernst
- Allein der Personalmangel in der katholischen und evangelischen Kirche dürfte als Begründung nicht ausreichen, aber der Besuchermangel schon eher
- Ich glaube, meine Einladungen in Kirchen und Gemeinden haben vor allem damit zu tun, dass wir alle miteinander mehr und mehr verunsichert sind, wohin sich die Welt im Großen und bei uns entwickelt, und deshalb miteinander ins Gespräch kommen wollen, um uns zu vergewissern, dass wir noch auf den richtigen Wegen unterwegs sind und diese uns nicht ins Verderben führen. Da interessieren auch andere Meinungen.
- Ein anderer Grund dürfte in meiner These bestehen, dass ich nicht an Gott glaube, aber eine religionsfreie Gesellschaft fürchte, worauf ich noch zu sprechen komme
- Viele Menschen, Gläubige wie Menschen ohne Bindung an eine Religion fragen sich angesichts von Krieg, Hunger, Elend, wieso Gott oder wer auch immer eigentlich zulässt, dass wir Menschen uns und die Welt zerstören.
- Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, bei der IG Bau, Agrar, Umwelt die Laudatio auf Pfarrer Mörtter und Pfarrer Meurer aus Köln zu halten, die den Gustav-Leber-Preis der Gewerkschaft für Zivilcourage erhielten
- Nachdem ich meine Laudatio auf diese beiden engagierten Kirchenleute gehalten hatte und der Preis überreicht war, fragte mich der Moderator, ob es mich traurig mache, dass die beiden intensiver in der Bibel lesen – statt im Parteiprogramm der Linken.
- Ich antwortete ihm: „Wieso, das mache ich doch auch.“ Warum ist das so?
- Auch wenn ich sicher weniger intensiv in der Bibel lese, als die beiden Pfarrer es ja auch schon von Berufs wegen tun müssen, so scheint mir schon die Sprache von Parteiprogrammen nicht unbedingt geeignet, einen besonderen Leseanreiz zu bieten
- Doch es geht um eine viel grundsätzlichere Frage: Ich habe ja bei verschiedenen Anlässen schon betont, dass ich als religionsfreier Mensch eine religionsfreie Gesellschaft schon deshalb fürchte, weil zur Zeit nur die Religionen grundlegende Moral- und Wertvorstellungen allgemeinverbindlich in der Gesellschaft prägen können.
- Die Linke als gesellschaftliche Kraft hat diesen Anspruch mit der Art und Weise, wie der real existierende Sozialismus organisiert wurde und scheiterte, für längere Zeit verwirkt, obwohl sie rein inhaltlich dafür Angebote hätte, aber sie schafft keine Allgemeinverbindlichkeit!
- Die Rechte – und damit meine ich jetzt nicht das, was da seit mehreren Jahren mit sehr unchristlichen politischen Vorstellungen in viel zu großer Zahl im Bundestag und auch auf den Straßen herumkrakeelt, sondern die Konservativen – ordnen mindestens tendenziell Wertvorstellungen dem Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft unter → der Markt aber kann keine Moral- und Wertvorstellungen hervorbringen – 2 Bäckermeister/Konkurrenz
- Nun wird mir oft entgegen gehalten, dass doch bei den Kirchen nun auch nicht alles im Lot sei (Stichwort: Missbrauch von Kindern!) und milliardenschwere Bistümer nicht unbedingt ein Hort sozialer Gerechtigkeit seien.
- → Der Patriarch der russ.-orthodoxe Kirche als Befürworter von Russlands Krieg, der Papst als entschiedener Gegner – aber beide sind Christen
- Man kann andererseits aber auch nicht umhin, dass nicht nur die beiden Pfarrer, sondern sehr viele Menschen in den Kirchen Moral- und Wertvorstellungen wie die Achtung der Menschenwürde, Solidarität, Barmherzigkeit durch ihr tägliches Tun leben und vermitteln und im besten Sinne zum Gemeingut machen
- Vor allem: Die Kirchen sind das eine, die Religionen aber das andere. Man darf sie nicht gleichsetzen.
- Verschiedene Religionen erzeugen verschiedene Moralvorstellungen. Das hängt auch damit zusammen, dass das Christentum ein Neues Testament hat, der Islam und die jüdische Religion nicht. Ohne das Neue Testament hätten wir eben keine Bergpredigt.
- Diese prägt unsere Moral aber ganz entscheidend! → Ich nicht zurückgehasst!!!
- Dass sich die herrschenden Politikerinnen und Politiker leider allzu oft darauf verlassen, dass Menschen die großen Lücken füllen, die ihre Politik selbst in unser soziales Netz reißt, macht das solidarische Engagement der vielen, ob sie es nun mit kirchlichem, humanistischem, gutnachbarlichem oder linkem Hintergrund tun, noch wichtiger und ist zugleich Auftrag an uns alle, dafür zu sorgen, dass sich diese Politik verändert
- Nächstenliebe, man kann auch sagen Solidarität, sind in uns viel mehr verankert, als es mancher wahrhaben und manch anderer uns weismachen will
- → Wir haben dies gerade erst während des Stromausfalls im Berliner Südwesten erlebt
- → Aber wir mussten auch das Versagen des Senats mit ansehen
- Politik darf diese Bereitschaft zu Nächstenliebe und Solidarität nicht missbrauchen zur Milderung der Konsequenzen von sozialer Ungerechtigkeit, zum Übertünchen eigener Unfähigkeit, sondern muss die Voraussetzungen schaffen für ein solidarisches Gemeinwesen
- → Ich habe vor Weihnachten bei Frank Zanders Veranstaltung für Obdachlose Essen serviert, für mich selbstverständlich ABER: Die Betroffenen mussten danach wieder raus auf die Straße und wir können uns alle nicht wirklich vorstellen, was das heißt, bei der Kälte, die seit Wochen herrscht
- → Menschen ein Obdach zu geben, ist nicht nur eine urchristliche Haltung, sondern eine Verpflichtung für eine Gesellschaft, die die Achtung der Menschenwürde in Artikel 1 ihres Grundgesetzes verankert hat
- Wenn man irgendetwas daran ändern will, wenn man ein gerechteres Land will, das einen humaneren Umgang mit allen pflegt, die hier auch leben, dann muss man den Willen, die Kraft und auch den Mut haben, sich mit den Mächtigen anzulegen. Denn in der Regel haben sie den Mainstream auf ihrer Seite. Manchmal, wenn man etwas für wirklich richtig hält, kann man auch mit den Organisationen und Einrichtungen, denen man angehört, in Konflikt geraten. Ich weiß, wovon ich spreche.
- 44 % der erwachsenen Bevölkerung misstraut der etablierten Politik
- Im Kern geht es um die Frage, vor der wir auch in Deutschland stehen: wird die Demokratie weiter marktkonform zugerichtet und damit in ihrem Wesen zerstört oder können wir auf demokratischem Wege Märkte und Kapital so regeln, dass die Interessen der Mehrheit der Bevölkerungen zumindest Berücksichtigung finden
- Wir werden der Verunsicherung und ihren Folgen nicht Herr werden, wenn die Menschen nicht wieder eine Perspektive für ein einigermaßen planbares Leben in sozialer und öffentlicher Sicherheit (Beispiel Schläger U-Bahn – Diebstahl oder Betrug) bekommen und der alte Grundsatz wieder Geltung erlangt, dass Eltern wissen, ihren Kindern wird es einmal besser gehen
- Die Kirchen bleiben notwendig
- Spenden, Weihnachten, Bergpredigt
- Überhaupt: ohne Kirchen und Religion kein Weihnachten, kein Ostern, kein Pfingsten, kaum Feiertage
- Menschen, die glauben, die es wollen, haben ein Recht auf ihre Kirchen → demokratische Interessen, Konservative
- In diesem Sinne wünsche ich uns allen Kraft und Mut, unsere Gesellschaft ein Stück besser zu machen.
Weitere Veranstaltungen der Reihe
Die kommenden Veranstaltungen der Reihe „Geschichten vom Glauben mitten im Leben“ finden an jedem dritten Sonntag in der Heilig-Geist-Kirche in Berlin Westend statt. Folgende Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Medien halten die Ansprachen:
15.02.2026 Georg Gafron (Medienmanager)
15.03.2026 Martin Krug (Filmproduzent)
21.06.2026 Wolfgang Bosbach (CDU-Urgestein)
18.10.2026 Dirk Niebel (Bundesminister a.D.)
20.12.2026 Thomas Heinze (Schauspieler)
jeweils um 11.30 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche, Berlin Westend, Bayernallee 28.
Weitere Informationen gibt es hier.


