Steyler Projekte

Von Gott berufen

Beschreibung

Mitten im Regenwald der kleinen indonesischen

Insel Flores befindet sich das größte Priesterseminar der Welt

Mitten im Regenwald der kleinen indonesischen Insel Flores befindet sich das größte Priesterseminar der Welt – gegründet von den Steyler Missionaren. Wir haben diesen außergewöhnlichen Ort besucht.

Text: Ulla Arens
Foto: Garry Lotulung

Gleich beginnt der Gottesdienst. Immer mehr junge Männer in bodenlangen weißen Alben erklimmen die Stufen zum Eingang der Kirche, vorbei an den überlebensgroßen Statuen von Arnold Janssen und Josef Freinademetz. Manche wirken müde – schließlich ist es erst kurz vor sechs Uhr an diesem sonnigen Sonntagmorgen –, die meisten aber sind munter und gut gelaunt. Als alle Reihen gefüllt sind, leitet der Chor mit geübten Stimmen, begleitet von Gitarrenklängen, die Messe ein.
Es sind die Studenten des Steyler Priesterseminars Sankt Paul auf der indonesischen Insel Flores, die an diesem Morgen in der Kirche singen und beten. Das Seminar wurde 1937 gegründet und liegt wenige Kilometer außerhalb der Küstenstadt Maumere, mitten im Regenwald. Die enge Straße dorthin windet sich Kurve um Kurve nach oben. Links und rechts stehen vereinzelt Häuser, dahinter dichtes Grün. Oben auf dem Hügel, hinter einem Schlagbaum, beginnt der Campus – mit der Kirche als Zentrum. Das große Kreuz hinter dem Altar hängt schief, ein Mahnmal an das schwere Erdbeben, das 1992 die Insel erschütterte. Die Gebäude mussten danach neu aufgebaut werden.
Ledalero gilt als größtes Priesterseminar der Welt – und das in einem Land, in dem die meisten Muslime der Welt leben. Mittlerweile stammt etwa ein Drittel der Steyler Missionare von hier. Längst arbeiten sie überall auf der Welt und füllen auch in Europa die vielen Lücken, die durch den Priestermangel entstanden sind. Rund 350 Seminaristen werden derzeit im Sankt-Paul-Seminar ausgebildet. Weitere 1.000 junge Männer – darunter Priesteramtskandidaten aus 18 weiteren Kongregationen sowie Diözesanseminaristen – studieren Theologie und Philosophie an der angeschlossenen und staatlich anerkannten Hochschule Institut IFTK (Institut Filsafat dan Teknologi Kreatif Ledalero). Das Studium dauert zwölf Semester, hinzu kommt ein praktisches Jahr. Anders als früher stammen inzwischen alle Professoren aus Indonesien.

 

„Es sind die Früchte unserer Missionsarbeit“, erklärt Pater Yoseph Keladu Koten SVD, Rektor des Seminars, die große Zahl an angehenden Priestern. Diese hat sicher auch damit zu tun, dass die Menschen auf Flores, wo die Steyler seit 1914 wirken, sehr religiös sind. Dementsprechend genießt ein Priester hohes gesellschaftliches Ansehen. Eltern sind stolz, wenn ihre Söhne diesen Weg wählen.
Im Priesterseminar erwartet die Studenten weder Komfort noch ein Elfenbeinturm, in den sie sich zurückziehen könnten – schließlich bereitet die Ausbildung sie auf ein Leben als Missionare vor. Die Steyler Seminaristen wohnen bescheiden in acht Gemeinschaften mit jeweils 30 bis 40 Studenten, auf dem Campus oder in dessen Umgebung. Sie erledigen ihre Einkäufe selbst auf dem Markt, kochen gemeinsam und müssen mit dem begrenzten Haushaltsgeld sorgfältig wirtschaften. Einige bauen zusätzlich Gemüse oder Obst an oder halten Schweine. Außerdem arbeiten sie gelegentlich auf der großen Farm mit, die zu Ledalero gehört und mit deren Erträgen das Seminar mitfinanziert wird.
Antonius Claudio Leta wohnt in einer Gemeinschaft außerhalb des Campus. Wie für alle Seminaristen beginnt auch für den 21-Jährigen der Alltag unter der Woche um 5.15 Uhr mit Morgengebet und Meditation. Danach feiert er die heilige Messe, bevor um Viertel vor acht die Vorlesungen beginnen. Sie dauern – unterbrochen von einer langen Mittagspause – bis in den Abend. Es bleibt aber genug Zeit, um auf dem Sportplatz Fußball zu spielen.
An diesem Sonntag hat Antonius im Garten hinter dem Haus bereits die Tomaten und den Spinat gewässert und das Schwein gefüttert. Jetzt sitzt er in seinem winzigen Zimmer: Bett, Schreibtisch, zwei Plastikstühle, ein Buchregal, ein kleiner Schrank. Mehr nicht. Er fühle sich sehr wohl hier, sagt er. Aufgewachsen ist er bei seiner Mutter, die als Köchin für einen Priester arbeitete. Seine Kindheit in der Gemeinde habe ihn inspiriert, später Seelsorger zu werden. Vor fünf Jahren hat sich Antonius, der in seiner Freizeit Gedichte und Geschichten schreibt, entschieden, Steyler zu werden. „Ich habe mich einfach in diese Ordensgemeinschaft verliebt.“
Und doch plagen ihn immer wieder Zweifel, ob er die richtige Entscheidung für sein Leben getroffen hat. Er hadert damit, dass er als Missionar seine Mutter nicht unterstützen kann. „Ich glaube aber, dass Gott mir meinen Weg zeigen wird. Er trifft die Wahl, nicht ich.“ Wenn er geweiht wird, will er unbedingt als Missionar ins Ausland gehen – nach Spanien vielleicht. Aber auch in jedes andere Land, in das man ihn schickt. „Ich werde mich gut auf die Kultur und die Traditionen vorbereiten. Sprachenlernen fällt mir ohnehin leicht.“
Eine gute Vorbereitung auf die Missionsarbeit in anderen Ländern bietet die kontextuelle Theologie, die in Ledalero gelehrt wird. Religiöse Inhalte werden dort nicht isoliert betrachtet, sondern in Beziehung zur jeweiligen Kultur sowie zu den Problemen und Bedürfnissen der Menschen gesetzt. Stets wird dabei die Frage gestellt: Wie kann der Glaube den Menschen im Alltag helfen?
Um sie beantworten zu können, müssen die Studenten, die oft aus der Mittelschicht stammen, die Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen erst kennenlernen. Sie sollen deshalb Kontakt zu Bauern und Fischern der Umgebung aufnehmen, mit ihnen über Sorgen und Nöte sprechen. Darüber hinaus ist soziale Mitarbeit in Projekten der Steyler verpflichtend – etwa in der Gefangenenseelsorge, im Frauenhaus oder in der Arbeit mit Menschen mit HIV.
Idealerweise lernen die Seminaristen so, offen für neue Begegnungen und Gedanken zu sein. Die Rückmeldungen, die Rektor Yoseph Keladu Koten über Seminaristen und Priester im Ausland erhält, fallen positiv aus: „Es heißt, sie können sich gut anpassen und sind auch für schwierige Gemeinden geeignet.“

 

Doch auch die beste Vorbereitung hat ihre Grenzen. Rival Nakung und Edith Dita waren während ihres Studiums für ein praktisches Jahr in Österreich, arbeiteten in Sankt Gabriel und Dornbirn und sprechen gut Deutsch. Sie wussten, dass die Kirchen dort im Vergleich zu Flores ziemlich leer sind. „Und doch ist man schockiert, wenn man es selbst sieht“, sagt Edith, 27. Auch Rival musste sich an einige kulturelle Eigenheiten gewöhnen. „Bei uns in Indonesien ist Gemeinschaft sehr wichtig, in Österreich ist man viel individualistischer“, so der 25-Jährige. Die Menschen seien nett und freundlich, aber es brauche Zeit, um ihnen näherzukommen.
Die beiden sitzen in der leeren Mensa des Instituts. Draußen ist es längst dunkel geworden, die Kommilitonen kehren vom Fußballspielen zurück. Die Erfahrungen in Österreich möchten sie auf keinen Fall missen – auch nicht ihre erste Schlittenfahrt oder den Versuch, Ski zu fahren. Stolz zeigen sie Handyfotos. Edith würde nach der Priesterweihe gern in deutschsprachigen Ländern arbeiten. Rival zieht es nach Afrika. „Aber Österreich wäre für mich auch eine Option.“
Doch längst nicht alle Seminaristen schließen ihre Priesterausbildung ab. Nur etwa 20 bis 30 Prozent werden geweiht. Viele treten bereits nach dem Bachelorstudium aus. „Es ist gut, dass sie diese freie Entscheidung für sich treffen“, sagt Pater Otto Gusti SVD, der an der Hochschule Philosophie lehrt. Für die Steyler sind diese jungen Männer deshalb nicht „verloren“. „Sie bleiben mit uns verbunden. Viele ehemalige Seminaristen arbeiten heute als Professoren, andere werden Journalisten oder Sozialarbeiter. Sie engagieren sich in der Kirche und treten für Menschenrechte ein.“ Derzeit werden etwa 20 Steyler Seminaristen pro Jahr geweiht.
Zum jetzigen Zeitpunkt steht Dionisius Pea Muga fest zu seiner Entscheidung, Priester zu werden. Er habe sie sich nicht leicht gemacht und viel über das Zölibat nachgedacht. „Ich spüre einfach den starken Wunsch in mir, Menschen zu dienen, vor allem den Armen.“ Seine Eltern unterstützen ihn in seiner Berufung. Er wäre auch nicht der erste Steyler Priester in der Familie. Nach Deutschland würde er gerne gehen, weil sein Vater, ein Lehrer, ihm viel davon erzählt hat. „Ich denke jetzt schon darüber nach, wie es gelingen könnte, dort wieder Menschen für die Kirche zu gewinnen.“
Vielleicht werden die hier zu Wort kommenden Seminaristen eines Tages tatsächlich als Priester in Europa wirken. Sicher ist jedoch eines: Sie werden hier dringend gebraucht.

 

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