Weite Wege, tiefe Spuren
Beschreibung
Ein ganzes Leben lang haben sie den Mitmenschen gedient, heute leben sie im Ruhestand in St. Wendel. Sechs Steyler Missionare erzählen von einem Leben zwischen Dschungel, Großstadt, Glaube und Gefahr – und davon, was ihnen die Welt und die Menschen geschenkt haben

KONGO
Drucker, Amateurfunker, Elektriker
Bruder Adolf Stegmaier SVD, 89 Jahre
Wie sind Sie zu den Steylern gekommen?
Mein Elternhaus in Wiesloch war sehr katholisch geprägt. In der ‚Stadt Gottes‘, also der Vorgängerzeitschrift von ‚Leben jetzt‘, die meine Eltern bezogen, las ich einen Artikel über die Brüder in Sankt Augustin. Da wusste ich: Da will ich hin. Und später unbedingt in die Mission.
Warum?
Weil mich das Abenteuer gereizt hat, und ich wollte auch ein bisschen dem Apostel Paulus nacheifern.
Sie haben bei den Steylern dann eine Ausbildung zum Drucker gemacht.
Das war allerdings nie mein Berufswunsch. Ich wollte immer Elektriker werden. Aber die Ausbildung gab es dort nicht. Da hat man mich überredet, Drucker zu lernen.
Dann sind Sie in den Kongo gegangen, damals noch Belgisch-Kongo.
Als man mich fragte, wohin ich wollte, habe ich geantwortet: „Dorthin, wo es am nötigsten ist.“ Es wurde der Kongo. Da war die Freude groß, dass ich wegkam, aber auch die Angst, da es damals gegen Ende der Kolonialherrschaft blutige Unruhen mit Toten gab. Im November 1959, ich war 21 Jahre alt, begann meine Mission in Bandundu, wo ich für die Steyler Druckerei auf dem Gelände des Missionshauses zuständig war.
Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie anfangs zu kämpfen?
Mit Kindern aus unserem Viertel machte ich ein Flötenorchester auf und übernahm später auch ein Blasorchester mit bis zu 30 Spielern. Nebenher reparierte ich Radios und war einer der ganz wenigen Amateurfunker im Kongo. Mit dem Geld von deutschen Spendern ließ ich einigen Witwen mit Kindern die undichten Dächer ihrer Häuser neu decken.

Sie waren dort 33 Jahre, sind dann nach Kinshasa gegangen.
Da konnte ich endlich beruflich das machen, was mir wirklich Spaß machte: Ich eröffnete eine Elektronikwerkstatt, habe Bügeleisen, Mixer, Toaster und Nähmaschinen repariert.
Haben Sie Ihre Entscheidung für den Kongo jemals bereut?
Die politische Lage war ja sehr schwierig, es gab in meiner Zeit dort so viel Blutvergießen. Da habe ich mich schon gefragt, ob es sich lohnt, für die Mission ermordet zu werden. Aber ich hatte immer Glück, war nie vor Ort, wenn die Kämpfe nach Bandundu oder Kinshasa kamen.

PAPUA-NEUGUINEA
Der Schulgründer
Pater Bernhard Kuhnert, SVD, 87 Jahre
Wie die meisten meiner Generation wuchs ich in der Nachkriegszeit mit Hunger und Entbehrungen auf. Ein braves Kind war ich nicht. Ich stellte einiges an und verpasste
auch schon mal jemandem eine Abreibung, wenn ich meinte, er habe es verdient. Mit elf Jahren hörte ich in meiner Heimatstadt Wilhelmshaven einen Vortrag eines Steyler China-Missionars über seine Arbeit, und ich wusste sofort: Ich werde doch nicht Pilot, Lokomotivführer oder Papst, sondern Missionar. Meine Eltern stimmten zu. Die Schulzeit in Steyl war schön, auch wenn dort sehr strenges Regiment herrschte. Natürlich
hielten wir uns nicht immer an die Regeln: Wir gingen heimlich in der Maas schwimmen, hängten uns an vorbeifahrende Schiffe und ließen uns ein Stück mitziehen. Einmal stand
ich sogar kurz vor dem Rauswurf – ausgerechnet da war ich unschuldig.
1966 wurde ich zum Priester geweiht und zwei Jahre später begann schon meine Zeit in Papua-Neuguinea. Der Anfang war hart: Ich konnte mich mit den Einheimischen nicht verständigen, der Bischof vor Ort hatte mir nur zehn Tage Zeit gegeben, um die dortigen Sprachen Enga und Pidgin zu lernen. In Wannepap, wo es bereits Straßen und Häuser gab, übernahm ich die Pfarrei. Ich wohnte im Kirchturm, konnte vom Bett aus die Glocke läuten. Zusätzlich baute ich in einer Außenstation im Busch eine Katechistenschule auf und gab dort mit anderen Priestern Unterricht. Immer wieder wurde ich Zeuge von Stammeskämpfen, den ersten Toten sah ich bereits vier Wochen nach meiner Ankunft. Gekämpft wurde um Land, Schweine und Frauen. Fast nackt, mit angemalten Körpern und mit Speeren, Äxten oder Pfeil und Bogen bewaffnet, haben die Männer aufeinander Jagd gemacht. Wenn sie mich im Auto auf der Straße sahen, versteckten sie sich im Graben, vermutlich weil sie sich vor mir schämten.
1975 erlitt ich einen schweren Unfall. Betrunkene Polizisten rammten mit ihrem Lkw mein Motorrad frontal. Vier Monate war ich in Sydney im Krankenhaus, die letzten sieben Wochen von den Achseln bis zu den Zehen in Gips. Doch ich erholte mich und setzte meine
Arbeit fort, zuletzt als Provinzoberer.
Ich habe mich äußerst wohlgefühlt in Papua-Neuguinea. Die Menschen dort, ihre Offenheit und Herzlichkeit, sind mir bis heute in lebendiger Erinnerung. Von ihnen habe ich gelernt,
den Moment wahrzunehmen, das bloße Dasein zu schätzen – und zu erleben, wie erfüllend es ist, einfach mit anderen nur zusammen zu sein, ohne Worte, ohne Tun.
Eigentlich sollte mein Weg danach nach Kenia führen, aber in Sankt Augustin wurde ich gebraucht – erst als Präfekt, dann als Rektor. Mit 70 übernahm ich noch eine ganz andere Aufgabe: Ich wurde Polizeiseelsorger in Hamburg. Ich begleitete die Beamten zu Einsätzen in Gorleben, zu sehr gewalttätigen Demonstrationen am 1. Mai in Berlin, bei denen Molotow-Cocktails flogen, und auf nächtliche Streifen über die Reeperbahn. Den Auszubildenden gab ich Ethikunterricht.
Besonders gefordert war ich, wenn Beamte von der Schusswaffe Gebrauch gemacht
hatten und ein Mensch dabei ums Leben gekommen war. Die Betroffenen waren oft ratlos, erschüttert und voller Schuldgefühle. In langen Gesprächen arbeiteten wir gemeinsam das
Erlebte auf – ein erster Schritt, um das Geschehene zu begreifen und allmählich mit dem Trauma umgehen zu lernen.


Leben in St. Wendel
Das Wendelinusheim hat eine ordensinterne Alten- und Pflegeabteilung, in der zurzeit 60 ältere und kranke Mitbrüder ihren Lebensabend genießen können und fachliche Pflege und
Hilfe erfahren. Häufig erhalten sie jedoch aufgrund ihres langen Arbeitseinsatzes im Ausland keine Rente. Auch eine Mitgliedschaft in einer Krankenkasse ist nicht möglich. Somit kostet jeder Arztbesuch Geld.
Wenn Sie die Altersversorgung in St. Wendel oder in Österreich unterstützen möchten,
können Sie spenden:
DEUTSCHLAND
Steyler Missionare
IBAN DE69 3862 1500 0310 0187 88
BIC GENODED1STB
Vermerk Altersversorgung
Missionare
ÖSTERREICH
Missionshaus St. Gabriel
IBAN AT97 1200 0006 3043 4504
BIC BKAUATWW
Vermerk Altersversorgung Missionare
Falls Spendenbescheinigung gewünscht,
bitte Adresse angeben
