‚Leben jetzt': Die katholische Kirche scheint in einer Phase des Umbruchs zu sein: Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?
Ursula Nothelle-Wildfeuer: In den letzten etwa 15 Jahren ist unübersehbar deutlich geworden, dass sie nicht nur eine „Kirche der Heiligen“ ist, sondern auch eine Kirche der Sünder, in der es nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern auch systemische Probleme gibt. Das hat ihr Ansehen grundlegend verändert. Sie ist keine unhinterfragte Autorität mehr. Heute muss sich die Kirche über Argumente und ihr tatsächliches Handeln neu in der Gesellschaft rechtfertigen und als glaubwürdig erweisen. Die Kirche muss sich weg von dem Selbstverständnis einer autoritären Lehrmeisterin hin zu einer „lernenden Kirche“ entwickeln, die zuhört. Unterschiedliche Positionierungen innerhalb der Kirche sind daher nur folgerichtig und gut.
Lj: Das, was Sie beschreiben, erfordert eine Selbstreflexion: Liegt darin eine Chance, kann daraus eine neue Nahbarkeit der Kirche entstehen?
Nothelle-Wildfeuer: Ja, denn eine solche Reflexion würde die Kluft zwischen dem Klerus und den Laien verringern. Ein offenerer Umgang im Diskurs und im gemeinsamen Handeln wirkt sich sehr positiv auf die Nahbarkeit aus.
Lj: Nicht nur Nahbarkeit, sondern echte Nähe erlaubt der Katholikentag. Warum ist dieses Format so wichtig?
Nothelle-Wildfeuer: Der Katholikentag ist von großer Bedeutung, weil er verschiedene Gruppierungen der Kirche sichtbar zusammenbringt. Miteinander im Austausch zu sein, bedeutet dabei, gemeinsam zu fragen, manchmal auch zu zweifeln und auch kontrovers zu diskutieren. Im Gegensatz zu großen Event-Formaten, die eher auf Belehrung setzen, ermöglicht der Katholikentag einen echten Austausch auf Augenhöhe. Ein wesentliches Merkmal ist hier der öffentliche gesellschaftspolitische Dialog. Die Kirche präsentiert sich als Akteurin, die als Lernende und Hörende die Gesellschaft mitgestalten will. Das ist wichtiger denn je, da heute viele fordern, sie solle sich aus gesellschaftlichen Themen heraushalten. Zudem gibt es kaum andere zivilgesellschaftliche Gruppen, die so viele Menschen zusammenbringen, um nicht über sich selbst, sondern über die brennenden Fragen der Zeit zu sprechen.
Lj: Was werden Menschen, die in der Kirche ein Amt bekleiden, aus diesen Diskussionen lernen?
Nothelle-Wildfeuer: Ich nehme in vielen Diskursen wahr, dass immer wieder auf die Foren und Positionen des Katholikentags ein Bezug genommen wird. Es sind echte Meilensteine in Richtung einer dialogbereiten und lernenden Kirche, wenn Verantwortliche zur Kenntnis nehmen, dass eine Vielzahl der Teilnehmenden anders denkt oder fragt als die Amtsträger. Die meisten Teilnehmenden kommen mit dem ernsthaften Anliegen, ein lebendiges Gespräch zu führen und selbst dazulernen zu wollen. Ohne diesen Anspruch brauchte man eine solche aufwendige Veranstaltung gar nicht erst zu organisieren.
Lj: In diesem Jahr lautet das Motto des Katholikentags „Hab Mut, steh auf“. Wie ordnen Sie das ein?
Nothelle-Wildfeuer: Das Motto ist sehr zeitgemäß. In der aktuell aufgeheizten Debattenkultur brauchen wir Mut, denn der Widerspruch, den Christinnen und Christen bekommen, ist oft heftig und emotional. „Aufstehen“ bedeutet hier nicht, in den Kampf zu ziehen, sondern sich klar zu positionieren. Der Katholikentag kann Menschen ermutigen, die etwas verändern wollen, sich aber allein fühlen. Er zeigt: Wir sind viele, die aus dem Glauben heraus mitgestalten wollen.
Lj: Wo genau sollten Christinnen und Christen heute Mut beweisen und aufstehen?
Nothelle-Wildfeuer: Ein zentrales Feld ist der Widerstand gegen den Rechtspopulismus. Wir müssen aufstehen, wenn die Gesellschaft über einen ausgrenzenden Volksbegriff definiert werden soll – erst recht, wenn versucht wird, ihn mit einem christlichen Überbau zu versehen. Das widerspricht dem Evangelium. Konkret zeigt sich das in der Migrationsdebatte: Es geht nicht nur darum, Migration politisch zu steuern, sondern entscheidend ist auch, wie wir über Menschen sprechen. Wir dürfen Schutzsuchende nicht nur als potenzielle Arbeitskräfte oder wirtschaftliche Belastung sehen, sondern wir müssen ihre Würde als Menschen achten, die vor Krieg, Folter oder den Folgen der Klimakrise geflohen sind. Einer pauschalen Abwertung dieser Menschen müssen wir aus christlicher Perspektive deutlich widersprechen.
Lj: Finanzielle Herausforderungen werden auch als Grund angeführt, warum der Sozialstaat „umgebaut“ werden soll. Wie können Christinnen und Christen darauf antworten?
Nothelle-Wildfeuer: In der Diskussion um den Sozialstaat bedeutet christliches Aufstehen, das Prinzip der Solidarität zu verteidigen. Natürlich ist Eigenverantwortung wichtig, das macht das Subsidiaritätsprinzip deutlich. Aber unser Sozialstaat basiert auch auf dem Recht auf Unterstützung für jene, die es alleine nicht schaffen. Solidarität leistet aber auch einen wesentlichen Beitrag zu einer wertschätzenden gesellschaftlichen Kultur: Wenn wir etwa über alte Menschen sprechen, sollte es nicht pauschal und vorrangig darum gehen, dass sie länger arbeiten müssen, um noch zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Vielmehr sollten wir fragen: Wie entwickeln wir ein soziales Umfeld, in dem Menschen in dieser Lebensphase ihre Erfahrung einbringen können, anstatt beiseitegeschoben zu werden? Wie finden wir einen differenzierteren Umgang mit Fragen der Arbeitswelt, ohne den Menschen pauschal Faulheit zu unterstellen? Würden wir tatsächlich anerkennen, dass jeder Mensch gewollt ist und jeder Mensch etwas beizutragen hat, dann würde sich das gesellschaftliche Klima grundlegend verbessern.
Lj: Aktuell scheinen sich auch Parteien mit einem „C“ im Namen über christliche Werte wie die Bewahrung der Schöpfung oder das Mitgefühl mit den Fremden hinwegzusetzen. Wie ist das zu bewerten?
Nothelle-Wildfeuer: Es kommen hier zwei problematische Perspektiven zusammen: Zum einen ignorieren manche die christliche Quelle, also die Werte des Christentums auf der Basis der Heiligen Schrift, wie wir sie etwa in der Bergpredigt und in dem Abschnitt vom Weltgericht finden. Zum anderen wird die sachliche Grundlage vernachlässigt, nehmen wir beispielsweise die Klimakrise: Es gibt klare Daten, etwa zu fossilen Brennstoffen und zu den Treibhausgasen. Wenn politische Entscheidungen diese Erkenntnisse ignorieren und den Ausbau erneuerbarer Energien eher bremsen, dann ist das kein langfristiges Denken mehr, dem Schöpfungsverantwortung ein ernstes Anliegen ist. Es geht dann um bloßen Stimmenfang am rechten Rand, um die Wiederwahl zu sichern.
Lj: Bei den rechtspopulistischen Parteien stellt sich die Frage, ob man ihnen durch den Dialog ein Forum bieten sollte …
Nothelle-Wildfeuer: Auf diese Frage gibt es für mich keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort, sondern ich suche hier eine differenzierte Haltung. Einerseits darf man Positionen, die dem Evangelium vollkommen zuwiderlaufen, keine große Plattform bieten. Andererseits sollten wir uns dem Diskurs auch nicht völlig verweigern. Ich halte es für wichtig, im Gespräch zu bleiben, um dabei immer wieder klar zu benennen, wo das Menschenfeindliche dieser Parteien liegt. Man muss diese Punkte offenlegen, damit kein Zweifel daran besteht, dass eine Vereinnahmung der christlichen Botschaft durch solche Ideologien unmöglich ist. Aber bei aller Bereitschaft zum Diskurs – ein Forum auf dem Katholikentag würde ich nicht mit einem Vertreter oder einer Vertreterin der AfD besetzen.
Lj: Die Botschaft der Solidarität und Nächstenliebe ist in der Bibel klar belegt, darauf können sich Christinnen und Christen jederzeit beziehen. Warum erfordert es trotzdem Mut, hier Stellung zu beziehen?
Nothelle-Wildfeuer: Theoretisch sollte es nicht so schwierig sein, aber die Interpretation des Evangeliums ist in der politischen Debatte umkämpft. Oft wird das „christliche Menschenbild“ auf ein enges Portfolio von bürgerlichen Werten reduziert, die dann auch noch nicht einmal für alle Menschen gelten sollen. Ein Beispiel ist der Wert der Familie: Er wird von Christinnen und Christen hochgehalten, aber im Kontext der politischen Debatten geht es dabei dann oft nur um ein traditionalistisches Modell, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und die heutige Lebenswirklichkeit kaum noch abbildet – moderne Realitäten wie Patchworkfamilien oder homosexuelle Paare mit Kindern werden ausgeblendet. Wer hier für Offenheit und Wahrnehmung der Nöte der Gegenwart aufsteht, erfährt viel Gegenwind. Manche Forderungen berufen sich auf ein Verständnis sogenannter christlicher Werte, wie sie sich im vergangenen Jahrhundert artikuliert haben. Oftmals wirkt diese Interpretation wie ein „Christentum ohne Christus“: Kernaussagen aus dem Endgericht im Matthäusevangelium wie „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben“ oder die Seligpreisungen der Bergpredigt finden dort keinerlei Berücksichtigung. Mut zu haben und aufzustehen, bedeutet für mich, genau diese radikale Zuwendung zum Fremden, zum Hungernden oder zum Gefangenen ernst zu nehmen und immer wieder bestehende Verhältnisse zu hinterfragen.
Lj: Einer Ihrer Essays trug einmal den Titel „Wenn Glaube politisch wird“: War er schon mal nicht politisch?
Nothelle-Wildfeuer: Nach meiner Überzeugung muss er politisch sein – nicht im Sinne von Parteipolitik, sondern als Teil der sozialen Dimension des Menschseins. Ganzheitlicher Glaube muss notwendig auch eine Auswirkung auf die Gesellschaft haben. Es gab zwar schon immer Strömungen, die den Fokus auf Gebet und Liturgie legen, wie das etwa in kontemplativen Orden der Fall ist. Das Faszinierende dort ist jedoch der Gedanke der Stellvertretung: das Gebet stellvertretend für jene, die im Alltag keine Zeit dafür finden. Diese Orden wissen um die verschiedenen Dimensionen des Lebens, sie wissen darum, dass auch das Soziale und Politische im christlichen Glauben seine Bedeutung hat.
Lj: Vor dem Hintergrund dessen, was wir gerade besprochen haben: Könnte man das Motto „Hab Mut, steh auf“ auch in umgekehrter Richtung als Appell der Gläubigen an ihre Amtskirche verstehen, mit der Forderung, mutig Stellung zu beziehen und Widerstand auszuhalten?
Nothelle-Wildfeuer: Das halte ich für einen guten Ansatz. Ein Ziel des Katholikentags könnte sein, eine „Rückabwicklung“ der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verhindern und vielmehr die weitere Umsetzung dessen zu forcieren, was „Kirche in der Welt von heute“ – so der Titel der Pastoralkonstitution – bedeutet. Die Kirche sollte als Ganze den Mut haben, aufzustehen und Gottes Bewegung für Menschenwürde und Menschenrechte zu werden. Ein aktiv gelebter Glaube ist ein politischer Glaube.


