Krieg oder Frieden - Haben wir die Wahl?
Beschreibung
Ja. Und sie beginnt bei jedem von uns.
Mit weltweit 65 Konflikten hat die Zahl kriegerischer Auseinandersetzungen seit dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Höchststand erreicht. Auch hierzulande wird der Ton rauer: Kompromissbereitschaft weicht zunehmend einem strikten Freund-Feind-Denken.
Was wir im alltäglichen Miteinander zu Recht ablehnen – Gewalt als Mittel der Konfliktlösung –, wird in internationalen Zusammenhängen ausdrücklich befürwortet. Wenn sich Gesellschaft und Politik immer stärker an den Bedürfnissen des Militärs ausrichten, betrachten wir die Welt zunehmend durch die Brille von Bedrohung und Gefahr. Krisen werden zu Sicherheitsproblemen erklärt, auf die man militärisch antworten müsse. Und wenn es um Sicherheit geht, scheint plötzlich alles erlaubt und alles möglich. Geld, das sonst an allen Ecken und Enden fehlt, fließt nicht in Bildung, Gesundheit oder soziale Sicherheit, sondern in Hightech-Waffensysteme und militärische Infrastruktur.
Während Deutschland über einen Freiwilligendienst mit verpflichtenden Elementen wie der Musterung diskutiert, führt Frankreich 2027 ein freiwilliges Militärjahr ein. Begleitet wird es von patriotischer Erziehung an Schulen: Schülerinnen und Schüler sollen an nationalen Gedenkfeiern teilnehmen und in sogenannten „classes de défense“ Kasernen, Marinestützpunkte und Truppenübungsplätze besuchen. Ende vergangenen Jahres unterstrich der Chef des französischen Verteidigungsstabes, Fabien Mandon, den Ernst der Lage mit den Worten, Frankreich müsse bereit sein, „seine Kinder zu verlieren“. Frankreich? Verlieren würden vor allem Eltern ihre Kinder. Moderne Kriegsführung bedeutet keineswegs weniger Leid und Zerstörung als die Gemetzel vergangener Jahrhunderte. Hunger, Flucht, Traumata und Verwüstung begleiten Kriege bis heute – und ihre Folgen reichen weit über das Ende der Kämpfe hinaus.

Quelle: ITAR-TASS/IMAGO
Können wir zur Abwechslung einmal über eine allgemeine Verpflichtung zum Frieden nachdenken? Und wie wäre es, wenn Alt und Jung, Frauen und Männer gemeinsam übten, wie man gewaltfreien Widerstand leistet? Das wäre schon deshalb sinnvoll, weil zukünftige Kriege vermutlich nicht damit beginnen, dass Panzer durch die Straßen rollen, sondern mit einem landesweiten Blackout, der Tage oder Wochen andauert. „Gegen den Zusammenbruch sämtlicher Kommunikationsstrukturen helfen keine Drohnen“, sagt Teresa Koloma Beck, Professorin an der Universität der Bundeswehr München. „Das löst man nur durch soziale Praktiken. Durch Kooperationen, die in einem solchen Krisenmoment versuchen, basale Lebensprozesse aufrechtzuerhalten.“
Mit anderen Worten: Es braucht Menschen, die handlungsfähig sind und bleiben. Der Bund für Soziale Verteidigung baut seit einigen Jahren Netzwerke auf, die genau das einüben. Zivile Widerstandsformen können zudem innerhalb einer Gesellschaft verhindern, dass Demokratien schleichend in autoritäre Systeme abgleiten. Ja, Bedrohungsängste muss man ernst nehmen. Aber sie sind keine Naturereignisse. Sie entstehen in sozialen Prozessen – und es gibt Menschen, die ein großes machtpolitisches oder wirtschaftliches Interesse daran haben, sie zu bewirtschaften. Dem können und sollten wir etwas entgegensetzen. Aber sind für Frieden nicht die Regierungen zuständig? Natürlich. Doch Frieden gelingt nur gemeinsam. Das heißt: Wir müssen uns einbringen. Nein, besser: Wir wollen uns einbringen. Denn was dort geschieht, wo Krieg herrscht, hat mit uns zu tun. „Schon wenn du einatmest, bist du verbunden mit der Welt. Und jedes Mal, wenn du ausatmest, nimmt die Welt Anteil an dir“, schreibt der Essayist und habilitierte Orientalist Navid Kermani in seinem Buch Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.

die Friedensbotschaft des amerikanisch-puertoricanischen Sängers Bad Bunny.
Quelle: UPI/ddp
Beim diesjährigen Super Bowl war in der Halbzeit auf einer riesigen Anzeigetafel zu lesen: „The only thing more powerful than hate is love“ – „Das Einzige, was mächtiger ist als Hass, ist Liebe.“ Mit dieser von Millionen Menschen gesehenen Botschaft setzte der amerikanisch-puerto-ricanische Sänger Bad Bunny ein Zeichen für Zusammenhalt und Toleranz.
Auf Friedensdemonstrationen Flagge zu zeigen, ist ein Anfang. Ehrenamtliches Engagement in Friedens- und Integrationsprojekten ebenso. Und auch Spenden für die Friedensarbeit, wie sie die Steyler Missionare weltweit leisten, sind ein wichtiger Beitrag. Sie haben schon vor mehr als 100 Jahren erkannt, dass dauerhafter Frieden dort wachsen kann, wo Menschen gerechtere Lebensbedingungen und einen Weg aus Armut und Unwissenheit erhalten. Vielleicht ist Frieden genau das: die empfindliche Balance zwischen Selbstbehauptung und Zugeständnis. Ein fragiles Verhältnis, das sich nicht erzwingen lässt, sondern von beiden Seiten immer wieder neu gewollt und erarbeitet werden muss.
Friedensarbeit ist vielleicht die schönste Art zu beten.
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