Im November 2025 veröffentlichte das Dikasterium für die Glaubenslehre im Vatikan die Note „Mater Populi Fidelis“. Der Text rückt Maria, die Gottesmutter, zurück in ihre biblischen und historischen Wurzeln und betont eine authentische Marienverehrung, die immer zu ihrem Sohn führt.
Die klare Abgrenzung von übertriebenen marianischen Vorstellungen schaffe, so Jan-Heiner Tück, Dogmatiker an der Universität Wien, eine klare theologische Basis, indem sie ausschließe, Maria als „Erlöserin“ oder gar als Göttin hochzustilisieren.
Wie aus einem jüdischen Mädchen die Gottesmutter wurde
Einen anderen Aspekt hätte man, laut Tück, hingegen stärker gewichten sollen: Marias jüdische Wurzeln. Dies anzuerkennen, tat sich die Kirche lange Zeit schwer. Vielleicht weil eine jüdische Maria zwangsläufig ein jüdisches Kind zur Welt bringt. In diesem Fall einen Sohn mit dem Namen Yeshua, „JHWH rettet“. Erst die 1965 von Papst Paul VI. verkündete Erklärung „Nostra Aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils unterstreicht das gemeinsame Erbe von Juden und Christen.
Zurück zu der jungen, frommen, jüdischen Frau Mirjam aus Nazareth, die die Psalmen betete, die nach der Thora lebte und ihren Sohn nach jüdischem Brauch am achten Tag beschneiden ließ. Die, gewiss nicht zufällig, den gleichen Namen trägt, wie jene Anführerin beim Auszug aus Ägypten – und die in den Augen der Mächtigen, der römischen Besatzer und ihrer Kollaborateure, eine Rebellin gewesen sein muss. „Die Mächtigen stürzt er vom Thron. Und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben. Und lässt die Reichen leer ausgehen“, war das revolutionäre Wiegenlied für ihren Sohn. Doch wie wurde aus dieser Mirjam Maria, jene Frau, die eine so einzigartig herausgehobene Stellung in der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche einnimmt?
Die Strahlkraft Mariens
Der Bamberger Neutestamentler Joachim Kügler erklärt das damit, dass man historisch wenig über Mirjam-Maria weiß, was Tor und Tür öffne für alle möglichen Sehnsüchte und Vorstellungen. Im Neuen Testament finden sich die meisten Angaben zu ihr im ersten Kapitel des Lukasevangeliums. Hier ist wohl die Keimzelle der späteren Marienverehrung zu verorten. Die dogmatische Definition des Konzils von Nicäa im Jahr 325, dass Jesus Christus wesensgleich mit Gott dem Vater sei, machte dann den Weg frei, Maria als Gottesmutter zu verehren. Von hier aus war es zur Verkündigung des Dogmas im Jahre 553 auf dem Konzil von Konstantinopel nicht mehr weit.
Vor allem im Mittelmeerraum nahm Maria bald den Platz ein, den zuvor die Göttinnen hatten – als gnädige, mitfühlende Gottesmutter. Von Anfang an drückte sich in der Verehrung Marias die Hoffnung auf Vergebung und Hilfe aus – und darauf, gegebenenfalls die Kraft zu haben, gegen Unrecht mutig aufzustehen. Das zeigt sich im Besonderen am Widerstand gegen die totalitären Tendenzen von Faschismus, Kommunismus und auch Kapitalismus. Die jüdische Mutter Maria war auch ein bleibender Widerstand gegen Versuche der Nazis, Jesus für sich zu vereinnahmen, indem man ihn mal eben zum Arier erklärte. Auch große Teile der polnischen Widerstandsbewegung um Lech Wałęsa zogen ihre Kraft aus der Verehrung Marias. In der südamerikanischen Befreiungstheologie birgt Maria ein revolutionäres Potenzial in sich. Allein deshalb wird die Strahlkraft der Gottesmutter bleiben – unter welchem Titel auch immer.



