Erstellt von Xenia Frenkel
Inspiration & Glaube

Vom Glück der Vorfreude

Beschreibung

Zeichnung zweier Menschen, die auf ein Ziel deuten
Ein Teil Herzklopfen und ein Teil Unsicherheit machen die Vorfreude aus

Vorfreude voraus! Alleine die Aussicht auf zukünftige Freude macht glücklich | Bild: iStock

Verwandt mit dem Tagtraum stärkt sie das zarte Pflänzchen Hoffnung und trägt über manche Untiefen hinweg

In ihren letzten Wochen träumte meine hochbetagte Mutter oft davon, mir Capri zu zeigen, wo sie in der Vergangenheit mit meinem Vater viele glückliche Tage verbracht hatte. Sie erzählte von Wanderungen entlang der von Macchia überwachsenen Steilküste, von dem schönen Ausblick und den 160 Stufen, die zur Grotta di Matromania hinunterführen. Obwohl wir beide wussten, dass wir diese Reise niemals antreten würden, malten wir uns in leuchtenden Farben aus, wie wir zusammen bis zum Leuchtturm Faro di Punta Carena spazieren, in der Chiesa di San Michele Arcangelo Kerzen anzünden und auf dem Rückweg, an der Flanke des Monte Tuoro, in irgendeiner kleinen Bar einen Kaffee trinken würden.

Dass allein der Gedanke an einen Sehnsuchtsort das Herz derart höherschlagen lassen kann, hat etwas Magisches. Vorfreude öffnet Fenster zu inneren Landschaften, in denen sich die Zeit dehnt und ein Raum entsteht, in dem wir uns, unseren Erinnerungen Sehnsüchten und Wünschen begegnen und mit dem Wunsch nach Erneuerung verbinden können. Aus einem schlichten „Bald“ macht Vorfreude ein Gefühl, das trägt und geradezu Flügel verleiht. Wenn wir uns in ein freudig erwartetes Ereignis hineinträumen, wachsen uns ungeahnte Kräfte, wir schöpfen Hoffnung und stürzen uns voller Elan in Vorbereitungen. Es ist ein bisschen wie Verlieben, dieses leise Kribbeln, während man den alten Stubenwagen herrichtet und die Tage zählt, bis das Enkelkind kommt, wenn man Pläne schmiedet für den bevorstehenden Ruhestand und das Wiedersehen mit alten Freunden.

Herzklopfen und Unsicherheit ergibt Vorfreude

„Ich hab mich so gefreut‘, sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde“, schreibt die lebenskluge Marie von Ebner-Eschenbach und fügt hinzu: „Du hast dich gefreut – ist das nichts?“ Wie wahr. Ich finde, zur Vorfreude gehört schon ein wenig Herzklopfen, eine Prise Unsicherheit, ob sich denn wirklich alles fügt wie erhofft.

Leider sind in Zeiten des Internets die besonderen, mit Warten verbundenen Freuden längst nicht mehr selbstverständlich. Antworten werden unmittelbar erwartet, Wünsche zeitnah erledigt. Wer freut sich denn noch tage-, gar wochenlang auf einen Brief? Stellt sich in die Küche für eine echte Rinderbouillon, die zehn Stunden vor sich hin köcheln muss, während einem der Duft von geröstetem Gemüse, frischen Kräutern, Knoblauch, Pfeffer verheißungsvoll in die Nase steigt?

Vorfreude bedeutet Genuss - und wolkenlose Erinnerung

Es stimmt schon, dass das Fest oft viel zu schnell vorbei ist, „lange Vorfreude, kurzer Spaß“, sagt man. Aber die Vorfreude klingt doch nach, wandelt sich in wolkenlose Erinnerung, ruft nach Wiederholung und neuen Vorfreuden. Ist das etwa nichts?

Ja, Vorfreude ist eine ganz eigenständige Quelle von intensivem Genuss und nicht selten sogar von längerer Dauer als die eigentliche Freude. Und das gilt glücklicherweise nicht allein fürs Essen.     

Worauf freuen Sie sich? Ich, Sie ahnen es vielleicht schon, auf den April. Dann kommt Enkelkind Nr. 10. 

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