„Menad bal, pük bal“ – eine Welt, eine Sprache. Keine Missverständnisse, keine Abwertung aufgrund einer bestimmten Muttersprache, kein schwer verständlicher Dialekt. So stellte sich Johann Martin Schleyer, ein katholischer Pfarrer aus Baden, das vor, als er 1879 seine Kunstsprache Volapük entwickelte. Sie sollte Frieden und Geschwisterlichkeit fördern, Menschen weltweit verbinden – ein uralter Traum menschlicher Verständigung, der auch im Geist von Pfingsten mitschwingt. Der erste vollständige Satz lautete: „Ko God beginobsöd dinis valik! – Lasst uns alle Dinge mit Gott beginnen!“
So hoffnungsvoll das klingt: Weder Volapük noch Esperanto, das wenige Jahre später mit ähnlicher Absicht entstand, konnten die Verständigung entscheidend verbessern. Das gilt auch für die Lingua franca Englisch oder für die Echtzeitübersetzungen unserer Smartphones. Wir reden so viel wie nie – und verstehen uns doch immer weniger. Trotz Zuhör-Cafés, Dialogformaten und Kursen in gewaltfreier Kommunikation.
Selbst harmlose Gespräche über Wetter, Urlaub oder den kläffenden Hund im dritten Stock kippen heute erstaunlich schnell in hitzige Debatten über Migration, steigende Preise oder politische Lager. Auch neue Sprachformen tragen dazu bei: Abkürzungen, Anglizismen, ein bewusst gepflegtes „Denglish“, das Zugehörigkeit markiert – und andere ausschließt. Oft ist das gewollt. Und genau darin liegt das Problem.
Sprache schafft Wirklichkeit
Sie beeinflusst unser Denken und unsere Wahrnehmung, kann verbinden – oder trennen. Mitunter mit verheerenden Folgen. Wie zerstörerisch Sprache sein kann, hat die Geschichte schmerzhaft gezeigt: Die Sprache des Nationalsozialismus war kein bloßes Mittel der Beschreibung, sondern ein Instrument der Verführung und Entmenschlichung. Sie verschob Grenzen, ließ das Unsagbare sagbar erscheinen – und bereitete so den Boden für Gewalt. Worte gingen den Taten voraus.
Schon der Philosoph Ernst Cassirer schrieb, dass sich Sprache mit wachsender geistiger Reife „zu einer Brücke in die Welt“ entwickle. Wenn dem – hoffentlich – so ist, müssen wir auf diese Brücke achten. Sie darf nicht wieder brüchig werden.
Dabei sind Worte nicht die einzige, vielleicht nicht einmal die wichtigste Form der Verständigung.
Es gibt eine andere Sprache – vielleicht ist es die, von der Pfingsten erzählt. Eine, die ohne Worte auskommt und dennoch überall verstanden wird: eine gereichte Tasse Tee, ein liebevoller Blick, ein fester Händedruck, ein Lächeln, das Einverständnis signalisiert. Unaufgeforderte Hilfe. Selbstverständliche Teilhabe.
Im ersten Jahr des Ukrainekrieges hatte ich für einige Wochen drei Frauen bei mir aufgenommen. Die ersten Tage waren holprig – trotz guten Willens und Übersetzungs-App. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich zu sehr bemühte. Erst als wir die Handys beiseite legten, gemeinsam kochten und aufräumten, änderte sich etwas. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen – und am Ende mit Umarmungen.
Menschen brauchen Zugehörigkeit, Sichtbarkeit, Anerkennung.
Die Steyler wissen das aus langer Erfahrung. Und sie wissen auch: Kulturen finden unterschiedliche, aber gleichwertige Wege, diese Bedürfnisse zu leben. Wege, die Respekt verdienen.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, vor mir eine Vase mit einer leuchtend roten Pfingstrose. Irgendwo im Haus lacht ein Kind. Und irgendwo in Marinka, Darfur oder Manila, in Teheran, Beirut und Jerusalem weint jemand. Freud und Leid sprechen überall die gleiche Sprache. Auch unsere Gebete sprechen eine gemeinsame Sprache: Beschütze meine Liebsten. Mach mein Kind gesund. Lass Frieden einkehren.
Der Frieden. Oft heißt es, wir müssten einander nur besser zuhören, auf Augenhöhe kommunizieren. Die Ratschläge kennen wir alle. Und doch bleiben Zweifel, ob Verständigung so wirklich entsteht. Der Apostel Paulus schrieb: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“
Vielleicht ist das der entscheidende Punkt. Die einzige Sprache, die uns wirklich verbindet, ist die, in der wir im Anderen uns selbst erkennen. Sie ist freundlich, geduldig, gütig. Sie kennt kein Oben oder Unten. Sie weiß um die Vielfalt der Welt – und hält dennoch daran fest, dass uns mehr verbindet als trennt. Es ist die Sprache der Liebe. Jeder kennt sie. Jeder versteht sie. Wir müssen sie nur sprechen.



