,Leben jetzt': Wenn Sie auf diese ersten zwölf Monate blicken: Was waren aus Ihrer Sicht die entscheidenden Momente?
Kardinal Ladislav Nemet SVD: Entscheidend war für mich vor allem der Moment, als Papst Leo XIV. unmittelbar nach seiner Wahl die Menschenmenge auf dem Petersplatz begrüßte. In diesen ersten Worten zeigte sich, dass er die Stimmung der Menschen wahrnahm und über das sprach, was vielen heute wichtig ist – Frieden, Gottes Liebe und eine synodale Kirche in Mission. Seither sind seine Äußerungen sehr klar und systematisch, auch wenn sie nicht so spontan sind wie jene von Papst Franziskus.
Lj: Wo hat der Papst in Ihren Augen etwas bewegt – strukturell oder geistlich? Und wo ist er hinter den Erwartungen zurückgeblieben?
Nehmet: Aus meiner Sicht hat Papst Leo XIV. besonders geistlich viel bewegt. Seine klaren Worte zur Migrationsfrage hatten großes Gewicht und haben die Verantwortung der Weltgemeinschaft deutlich benannt. Seine ersten Reisen in die Türkei und in den Libanon haben diese Linie noch einmal unterstrichen – mit den Schwerpunkten Frieden, Einheit der Christen und Nähe zu den Leidenden, Schwachen und Kleinen. Man denke nur an die „kleine Herde“ in der Türkei.
Strukturell hat er bisher noch nicht viel sichtbar verändert. Aber die Kirche ist keine politische Organisation, in der man nach hundert Tagen einen Maßnahmenkatalog präsentieren muss. Vieles geschieht im Hintergrund. Es ist zu erwarten, dass er größere Veränderungen in der Kurie vorbereitet, nicht zuletzt angesichts des Alters mancher leitender Kurienmitglieder. Während Papst Franziskus als sehr entscheidungsfreudig galt, wirkt der neue Papst eher als ein Mann des Nachdenkens, der einem prozessorientierten, langsamen „Schachspiel“ nähersteht.
Lj: Die Frage nach Macht und Transparenz beschäftigt Gläubige. Hat sich im ersten Jahr von Papst Leo tatsächlich etwas verändert – oder nur die Rhetorik?
Nehmet: Aus meiner Sicht hat sich im ersten Jahr vor allem die Sprache verändert, weniger die Strukturen. In der unmittelbaren Umgebung von Papst Leo XIV. sehen wir weitgehend die gleichen Männer und Frauen wie schon unter Papst Franziskus. Neue Gesichter sind bislang nur vereinzelt sichtbar. Wer bei den Themen Macht und Transparenz wirklich etwas verändern will, braucht entweder neue Richtlinien oder andere Personen an entscheidenden Stellen. Solche Personalentscheidungen lassen sich jedoch nicht überstürzt treffen, weil sie die Gestalt der Kirche für Jahrzehnte prägen können. Deshalb ist hier viel Geduld gefragt. Wir dürfen nicht vergessen: Es geht um eine Weltkirche mit 1,4 Milliarden Menschen und sehr vielen Kulturen, Erwartungen, Sehnsüchten und Geschichten.
Lj: Wie erleben Sie innerkirchliche Widerstände? Empfinden Sie diese als konstruktiv oder lähmend?
Nehmet: Innerkirchliche Widerstände gehören zur Kirche fast wesenhaft dazu, und das gilt auch in der Zeit von Papst Leo XIV. Sie können konstruktiv sein, wenn sie zu einem wirklichen Dialog führen und helfen, Disziplin und Lehre zu klären und zu vertiefen. Disziplin meint hier die sichtbare und innerliche Einheit in einer großen Vielfalt kirchlicher Lebensformen. Lehre meint ein vertieftes Verständnis unseres Glaubens. Wenn Widerstände dazu beitragen, den Glauben im heutigen Kontext neu und besser zu durchdringen und darzustellen, sind sie heilsam. Problematisch sind hingegen jene Widerstände, die sich in emotionalen Angriffen auf den Papst äußern, etwa im Zusammenhang mit der traditionellen Liturgie. Diese Formen der Ablehnung haben bisher sicher nicht zu einer guten Stimmung in der Kirche beigetragen. Alles, was exklusivistisch denkt und andere faktisch ausgrenzt, ist nicht förderlich und schwer mit einer weltweiten, im wortwörtlichen Sinne katholischen Kirche vereinbar.
Lj: Die Erwartungen an eine strukturelle Beteiligung von Frauen sind hoch. Hat Leos Pontifikat einen Paradigmenwechsel eingeläutet?
Nehmet: Von einem Paradigmenwechsel würde ich noch nicht sprechen. Wir warten zunächst auf die Ergebnisse jener Studiengruppen, die Papst Franziskus im Frühjahr 2024 eingesetzt hat. Eine davon befasst sich ausdrücklich mit der Rolle der Frauen in der Kirche. Papst Leo XIV. hat allerdings ein wichtiges Signal gesetzt, indem er Schwester Raffaella Petrini im Amt bestätigte und die rechtlichen Rahmenbedingungen so veränderte, dass an der Spitze des Vatikanstaates nicht mehr zwingend ein Kleriker stehen muss. Damit öffnet er eine Schlüsselposition der Kirchenleitung ausdrücklich weiter für Frauen und Laien und macht sichtbar, dass die strukturelle Beteiligung von Frauen nicht nur in der Rhetorik, sondern auch im Kirchenrecht verankert werden muss.
Lj: Was müsste in Ihren Augen passieren, damit Frauen nicht nur „mitgedacht“ werden, sondern auch mitentscheiden können?
Nehmet: Dafür bräuchte es eine viel breitere Vertiefung einer frauenfreundlichen Kultur in und außerhalb der Kirche – und zwar weltweit, nicht nur in einigen wenigen Ländern oder Lokalkirchen. In einer solchen Kultur wäre es selbstverständlich, Frauen in all jene Leitungs- und Entscheidungsaufgaben zu berufen, die nicht unmittelbar an die Weihe gebunden sind. Papst Franziskus hat hier wichtige Schritte gesetzt, Papst Leo XIV. führt das weiter. Ich bin überzeugt, dass wir auf diesem Weg noch sehr viel erreichen können und müssen. Ich kann mir – wie es die österreichisch-ungarische Pastoraltheologin Klara Csiszar andeutet – eine eigene Synode von und mit Frauen gut vorstellen. Warum auch nicht, nachdem wir in der Kirchengeschichte bereits so viele „Männersynoden“ erlebt haben? Dazu gehört für mich, dass wir endlich lernen, Frauen wirklich zuzuhören und uns von der Haltung verabschieden, Männer könnten über Frauen entscheiden und wüssten, wie sie denken oder was sie besser nicht denken sollten.
Lj: Die Welt steht unter Dauerstress – Kriege, Polarisierung, Klima. Ist der Papst allein moralische Instanz oder auch diplomatischer Akteur?
Nehmet: In meinen Augen ist der Papst beides: eine moralische Instanz und ein diplomatischer Akteur, der jedoch sehr bewusst mit nationalen Fragen umgeht. In der Situation rund um ICE in den USA würde ich eher von einer innerstaatlichen Angelegenheit sprechen, in die er sich nicht im Detail einmischen sollte. Er war jedoch sehr klar, wenn es um den Schutz von Migrantinnen und Migranten geht, und hat US-Bischöfe mit eigener Migrationserfahrung in Schlüsselpositionen berufen. Die deutlichen Stellungnahmen der US-Kardinäle Cupich, Tobin und Gregory gegen eine entmenschlichende Abschiebepolitik waren in diesem Zusammenhang stark genug und lassen erkennen, dass der Papst hier die örtlichen Hirten sprechen und handeln lässt.
Lj: Eine Äußerung Leos hat viele, auch Gläubige, verstört: dass Schwangerschaftsabbrüche „der größte Zerstörer des Friedens“ seien.
Nehmet: Die Formulierung steht klar in der Tradition der kirchlichen Lebensschutzlehre und knüpft an Worte von Mutter Teresa an. Leo XIV. will damit vor allem auf eine Kultur hinweisen, in der das Leben der Schwächsten – der Ungeborenen, aber auch vieler anderer Verwundbarer – zu wenig geschützt wird. Gleichzeitig hat er mehrfach betont, dass dieses Thema in einem größeren Zusammenhang von globaler Ungerechtigkeit, Gewalt, Armut und fehlender Unterstützung für Familien zu sehen ist, wie seine Enzyklika „Dilexi te“ deutlich macht. Wenn man seine Aussage in diesem weiteren Horizont liest, wird erkennbar, dass er nicht einzelne Frauen moralisch anklagen will, sondern auf eine umfassende Verantwortung für gerechte Bedingungen hinweist, damit Frauen gar nicht erst in Situationen geraten, in denen sie einen Abbruch als einzigen Ausweg sehen. Zugleich wird hier aber auch eine Grenze sichtbar, die ich als Mann spüre: Ich habe ein gewisses Unbehagen, über dieses Thema stellvertretend zu sprechen. Wir brauchen vor allem die Stimmen der Frauen selbst. Genau deshalb ist das Fehlen ihrer Perspektiven in vielen Spitzenpositionen der Kirche besonders schmerzlich.
Lj: Sehen Sie eine Chance auf echte Erneuerung oder eher die Gefahr der Spaltung?
Nehmet: Spaltungen hat es in der Kirche immer gegeben. Wir sollten alles daransetzen, dass es nicht zu neuen Brüchen kommt. Die Chance auf echte Erneuerung liegt dort, wo Spannungen in Geduld, Dialogfähigkeit und in der demütigen gemeinsamen Suche nach der Wahrheit gelebt werden und Kreativität freisetzen. Die Gefahr wächst dort, wo Akteure ihre Position absolut setzen, einander nicht mehr zuhören und aus legitimen Unterschieden ideologische Gegensätze machen und Lagerbildungen hervorrufen.
Lj: Jenseits aller Strukturdebatten: Welche geistliche Botschaft hat dieses erste Jahr geprägt?
Nehmet: Klar zu denken und zu reden, das Evangelium zu verkünden und mit allen Menschen in Dialog zu kommen.
Lj: Was hat Sie in diesem ersten Jahr persönlich berührt?
Nehmet: Dieses erste Jahr ist geistlich stark von drei Akzenten geprägt: Klarheit im Evangelium, Einladung zum Dialog und Rückbesinnung auf Gebet und Umkehr. Leo XIV. ruft dazu auf, das Evangelium ohne Ausweichmanöver zu verkünden, klar zu denken und zu reden und zugleich Brücken zu bauen – im Gespräch mit Glaubenden und Nichtglaubenden, mit anderen Kirchen und Religionen. Dabei verbindet er missionarische Entschiedenheit mit einer sehr persönlichen Einladung, im Alltag zu beten, sich innerlich zu verändern und so Schritt für Schritt Zeugnis zu geben. Das berührt mich und motiviert mich.
Lj: Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Jetzt beginnt wirklich etwas ganz Neues?
Nehmet: Ja, diesen Moment gab es für mich unmittelbar nach seiner Wahl. In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass wirklich eine neue Epoche beginnt: ein Papst, der als Ordensmann viel Erfahrung mit Vielfalt mitbringt, der mit großer innerer Ruhe und klaren Worten zu Frieden, Gerechtigkeit und Mission spricht und zugleich eine sichtbare geistliche Tiefe ausstrahlt.
Lj: Was würden Sie dem Papst – wenn Sie frei sprechen könnten – für sein zweites Jahr mitgeben?
Nehmet: Ich würde ihm wieder sagen, was ich ihm schon einmal gesagt habe: dass er sich mehr Zeit für sich selbst nehmen und gut auf seine Gesundheit achten soll. Gott und die Kirche brauchen ihn.


