Erstellt von Ulla Arens

Steyler helfen psychisch Kranken in Indonesien

Beschreibung

Pater Aventinus Saur SVD spricht mit Yohanes Bai
Pater Aventinus Saur SVD will Yohanes Bai helfen, wieder freizukommen

Sein linker Fuß ist in einen Holzblock eingezwängt. Seit drei Wochen ist Yohanes Bai auf diese Weise gefangen | Foto: Garry Lotulung

Menschen mit psychischen Erkrankungen bekommen in Indonesien keine ausreichende medizinische und soziale Versorgung. Stattdessen werden sie stigmatisiert und in Fesseln gelegt: Pasung heißt diese Tradition. Der Steyler Missionar Aventinus Saur nimmt sich ihrer an und versucht, ihnen wieder ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen

Ob Yohanes Bai geahnt hat, was mit ihm passieren würde, als sein Bruder und sein Neffe am Dorfeingang auf ihn warteten? Erst wehrte er sich, als sie ihn festhielten, dann weinte er. Schließlich gab er jeden Widerstand auf und ließ sich von ihnen an der Hand wegführen – vorbei an den bunt gestrichenen Häusern und den Hügel hinauf in den tropischen Regenwald. Dort, kurz hinter dem Dorf Roworena, hat der Neffe aus den Ästen eines Mahagonibaums einen überdachten Verschlag gebaut.

„Bitte tut es nicht“, bat Yohanes Bai, als sie davorstanden. Doch Bruder und Neffe glaubten, keine Wahl zu haben. Denn das Dorf hatte es von ihnen verlangt: Sie setzten ihn auf den Boden der winzigen Hütte, die von nun an sein Gefängnis sein würde, und klemmten seinen linken Fuß in die ausgesparte Öffnung zwischen zwei Holzbalken. Entkommen unmöglich.

Die Methode Pasung wird für viele Menschen zum Gefängnis

Der Neffe ist es, der diese Geschichte vom Pasung erzählt. So heißt die Methode, mit der Menschen in Indonesien immer noch gefangen gehalten werden.

Genauer: Menschen mit psychischen Krankheiten wie Schizophrenie. Und obwohl dies längst verboten ist, wird sie immer noch angewendet. Die Betroffenen werden mit einem oder auch beiden Füßen in einen Holzblock gesperrt oder an einen Baum oder Zementblock gekettet. Manchmal werden auch die Hände fixiert. Nur sitzen und liegen ist den Gefangenen noch möglich. Sie müssen in dieser Position essen, trinken, schlafen und ihre Notdurft verrichten. Wer „Glück“ hat, verbleibt nur wenige Tage oder Wochen im Pasung, es können aber auch mehrere Jahrzehnte sein. Drei Wochen ist es her, seit Yohanes Bai im Dorf Roworena auf der Insel Flores gefangen genommen wurde. Seine Familie versorgt ihn mit Essen und Trinken und reinigt den Verschlag. Aufrecht und still sitzt er dort. Sein Blick geht ins Leere. Er zeigt auch kaum eine Reaktion, als Pater Aventinus Saur SVD in den Verschlag klettert, sich zu ihm setzt und mit ihm spricht. Der Steyler Missionar kennt Fälle wie diesen nur zu gut.

Unwissenheit führt zu Pasung

Seit er 2014 das erste Mal einen Menschen in Pasung sah, setzt er sich für die Opfer ein. Und davon gibt es viele. „Auf den Inseln Flores und Lembata leben etwa 10.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die meisten von ihnen werden für eine Zeit lang in diese Fußfesseln gelegt.“ Nicht aus Bosheit, wie er betont. Sondern aus Unwissenheit sowie fehlender medizinischer und sozialer Versorgung.

Es gibt immer noch zu wenige Krankenhäuser und zu wenige Ärzte, die für die Behandlung von psychischen Erkrankungen fachlich geschult sind.

Wirksame Medikamente sind knapp, Angehörige können sie sich ohnehin nicht leisten, dafür sind sie viel zu arm. „Für die Familien ist ­Pasung die allerletzte Lösung, und sie machen es oft unter Tränen.“

Pasung hat auch mit sozialem Druck zu tun

Der Neffe erzählt Pater Aventinus, wie alle geweint haben, als man ihn fesselte. Und er erklärt, warum sie es taten: Der Onkel lebte lange in einem anderen Teil Flores, tauchte vor drei Jahren wieder auf. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er führte Selbstgespräche, weigerte sich zu arbeiten. Dann wurde er aggressiv, immer wieder ging er mit Steinen bewaffnet zu Nachbarn, drohte, sie zu bewerfen, behauptete, es sei sein Haus. Aus großer Angst vor ihm drängten die Dorfbewohner die Familie, ihn in Holzfesseln zu legen.

Er weiß, dass das nicht richtig ist, betont der Neffe. Deshalb rief er Pater Aventinus, von dem er gehört hatte. Er hofft, dass er ihn heilen kann. Das kann Pater Aventinus sicher nicht. Aber er wird alles dafür tun, dass es Yohanes Bai besser geht und er schließlich befreit wird. Unterstützt von einem fachkundigen Arzt, versorgt er die Kranken mit den nötigen Medikamenten. Wo es möglich ist, werden sie zur Therapie in ein Rehabilitationszentrum gebracht. Etwa 400 psychisch Kranke hat der jugendlich wirkende Missionar, der den Menschen offen und fröhlich begegnet, durch sein Engagement bereits aus den Fesseln befreien können. „Es ist jedes Mal ein langer Prozess.“

Einsatz mit über 100 Helfern

Sein Engagement geht weit über das Medizinische hinaus. Er gründete ein Team freiwilliger Helfer, inzwischen sind es über 100.

Sie machen Menschen in Pasung ausfindig, besuchen sie dann regelmäßig, etwa 500 sind es zurzeit. „Wenn die Verwandten sich nicht um die Kranken kümmern, sind wir es, die sie waschen, Haare und Nägel schneiden, frische Kleider bringen, den Raum säubern. Vor allem ist es wichtig, mit ihnen zu reden. Manche sind völlig alleingelassen, was ihre Situation weiter verschlimmert.“ Er plant zudem, ihnen auch bei der Wiedereingliederung zu helfen, wenn sie wieder frei sind. Indem er für sie Schweine, Hühner oder Ziegen kauft oder sie finanziell unterstützt, damit sie etwa einen kleinen Kiosk eröffnen können.

Auch die Familien erhalten Unterstützung – Geld, Lebensmittel und Kleiderspenden. Aufklärungsgespräche über die Krankheit mit Angehörigen und Nachbarn sind entscheidend, um die Diskriminierung zu beenden. „Noch immer glauben viele, dass psychische Probleme kein medizinisches Problem sind, sondern dass sie durch böse Geister verursacht werden. Deshalb holen sie Schamanen, die diese vertreiben sollen.“ Er spricht mit örtlichen Politikern, hält Workshops und Seminare, damit Pasung endlich der Vergangenheit angehört. Um all das zu finanzieren, ist er auf Spenden angewiesen.

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