Manchmal stelle ich mir das Leben als einen sonnenbeschienenen Ort vor – mit Kinderlachen, Vogelgezwitscher und einer Beiz, in der sich meine Lieben und ich bei Speis und Trank gegenseitig mit Anekdoten erheitern. Eine heile Welt ohne hitzige Diskussionen und düstere Prophezeiungen vom nahenden Untergang des Abendlandes, ohne Radio, Fernseher und Smartphone, die im Minutentakt von Gewalt, Zerstörung, Elend und Flucht künden. Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die das langsam überfordert. Was zur Frage führt, ob es denn eine Pflicht gibt, der harschen Wirklichkeit immer und jederzeit ins Auge blicken zu müssen. Oder ob man sich auch ganz bewusst dafür entscheiden darf, gewisse Dinge einfach nicht wissen zu wollen.
Mir ist bewusst, dass in einer hoch entwickelten, hochkomplexen Wissensgesellschaft, in der Wissen und lebenslanges Lernen mindestens so wichtig, wenn nicht sogar wichtiger sind als materielle Ressourcen, willentliches Nichtwissen einen eher schlechten Ruf hat. Den Kopf in den Sand zu stecken, gilt – nicht nur im Umfeld der bekannten (Vogel-Strauß-)Politik – ganz zu Recht als problematisch. Um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, braucht es nun einmal Wissen.
Es gibt im Übrigen ja auch ganz wunderbare Dinge zu wissen. Dass Schmetterlinge mit ihren Füßen schmecken beispielsweise, oder dass eine Wolke etwa eine Million Tonnen wiegt – hochinteressant. Weniger hingegen, wie viele Bakterien sich auf meiner Tastatur tummeln. Es sind Millionen pro Quadratzentimeter, lese ich im Netz. Und jetzt? Soll ich ständig mit Desinfektionsmittel hantieren?
Längst ist Wissen kein wertvoller Schatz mehr. Es wird in solch unüberschaubaren Mengen und in aberwitziger Geschwindigkeit generiert, dass nicht wenige – mich eingeschlossen – in vielen Dingen gerade einmal oberflächlich Bescheid wissen. Ab einem bestimmten Punkt führt die weitere Ansammlung von Wissen auch nicht zwingend zu mehr Verantwortlichkeit, Selbstbestimmung und Engagement, sondern eher zu einer fatalistischen, resignierten Haltung.
Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, hält gewolltes Nichtwissen nicht nur für sinnvoll, sondern bisweilen sogar für notwendig. Er spricht von der Fähigkeit des „kritischen Ignorierens“. In Zeiten, in denen wir von Fake News überschwemmt werden, reiche kritisches Denken allein nicht aus. Denn schon in der Auseinandersetzung mit manipulativen Falschinformationen tappen wir oft in deren Falle. „Kritisches Ignorieren bedeutet dagegen, zunächst zu überlegen: Verdient es dieser Inhalt überhaupt, dass ich ihm Aufmerksamkeit schenke?“, so Hertwig.
Je älter ich werde, desto öfter denke oder sage ich – wie früher meine Mutter: „Das will ich gar nicht wissen.“ Möchte ich wissen, ob es gerade irgendeine Missstimmung unter meinen erwachsenen Kindern gibt? Wann ich sterbe? Ob ich an einer äußerst seltenen, noch nicht erforschten Erbkrankheit leide? Danke, aber nein danke. Ich könnte ohnehin nichts dagegen ausrichten und würde mich nur aufregen.
Ein alter Freund, Vater von sechs Kindern, neunzehn Enkeln und elf Urenkeln, zitierte gern den englischen Dichter Thomas Grey mit den Worten: „Sometimes ignorance is bliss“ – manchmal ist Nichtwissen ein Segen. So ist es. Nichtwissen kann ein Schutz sein. Wissen wiederum hat Folgen. Mitunter solche, denen man vielleicht nicht gewachsen ist.
Am Ende, denke ich, braucht es für eine sinnvolle, gedeihliche, produktive Lebensgestaltung vielleicht nicht immer noch mehr Information und (Halb-)Wissen, sondern Werte und Haltung. Aber das ist ein anderes Thema.


