‚Leben jetzt': Erlauben Sie mir zu Beginn eine persönliche Frage: Was hat die schwere Erkrankung und die Zeit der Lebertransplantation damals in Ihrem Leben verändert?
Pater Franz Helm SVD: Ich sehe mein Leben seither als eine Art „Draufschlag“, eine zusätzlich geschenkte Lebensspanne. Ich möchte sie gut nützen. Und bin sehr dankbar für die wieder erlangte Schaffenskraft, für Unterstützung und Begleitung. Und ich weiß: Mein Leben hat ein Ablaufdatum. Ich bin nur Gast auf Erden.
Lj: Nach dieser Erfahrung des „zweiten Lebens“: Wie geht es Ihnen heute – innerlich und körperlich?
Helm: Unverdient gut! Natürlich nehme ich brav meine Medikamente und schaue auf meine Gesundheit. Aber wenn mir vor 19 Jahren jemand gesagt hätte, mit 65 stehst Du noch voll im Leben, ich hätte es nicht geglaubt.
Lj: Ihre Kolumne heißt „Was trägt?“. Was genau ist es bei Ihnen?
Helm: Gottvertrauen. Das durfte ich in meiner Herkunftsfamilie erfahren. Es ist das wichtigste „Erbstück“, das ich von meinen Eltern bekommen habe.
Lj: Wenn Sie an das denken, was Sie trägt: Gibt es einen inneren Halt oder eine leise Orientierung?
Helm: Das Wort „Orientierung“ sagt mir mehr zu als „Halt“. Ich erlebe derzeit ganz stark: Alles ist im Fluss, Gewissheiten sind schwer zu fassen. Aber die Orientierung an Gottes Wort bleibt. Dort finde ich auch die Zusage Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Ich glaube daran: Jesus ist bei uns als Weggefährte und Beistand, aber auch in den Armen und Benachteiligten, die unsere Solidarität brauchen.
Lj: Gibt es ein Wort, ein Gebet oder einen Menschen, der Sie in schwierigen Zeiten begleitet hat?
Helm: „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben, und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,53) Das war schon mein Primizspruch (Leitsatz, Anm.d. Red.). Gott beschenkt den Bedürftigen, der ihm vertraut. Und natürlich haben mich viele Menschen mit ihrem Gebet begleitet, und spezielle Menschen mit ihrer Nähe und ihrem Zuspruch. Wichtig war immer auch, mich anzuvertrauen. Oft bekam ich dann viel zurück geschenkt.
Lj: Sie haben in vielen Lebenswelten und Kulturen gewirkt: Wo ist Ihnen Gott dabei überraschend begegnet?
Helm: Tief eingeprägt hat sich der Ausspruch einer armen landlosen Kleinbäuerin in Bahia, in Brasilien. „Deus é grande!“ hat Vaninha ausgerufen, nach dem sie mir erzählt hatte, dass das Vieh eines Grußgrundbesitzers ihr ganzes Bohnenfeld zertrampelt und aufgefressen hatte. „Gott ist groß!“ Dieses Gottvertrauen in äußerster Not und angesichts lebensbedrohenden Unrechts hat mich tief bewegt.
Lj: Welcher Wert ist Ihnen heute besonders wichtig – vielleicht einer, der erst durch das Leben gereift ist?
Helm: Gerechtigkeit steht bei mir an vorderster Stelle. Natürlich ist das ein komplexer und vielschichtiger Begriff. Im Kern geht es für mich darum, dass es „recht wird“ für jeden Menschen und jedes Geschöpf. Dass ein Leben in Würde möglich ist. Besonders am Herzen liegt mir die Gerechtigkeit für Menschen im globalen Süden. Wie viel Ausbeutung haben zum Beispiel die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent schon erfahren, wie viel Gewalt und Leid. Es kommt kaum vor in den Medien. Dann auch Generationengerechtigkeit: Was erwartet die in Zukunft Geborenen für eine Welt? Welche Welt übergeben wir ihnen? Das sind Fragen, die mich zutiefst bewegen.
Lj: Ihr Einsatz für Geflüchtete und für die Schöpfung kommt aus einer inneren Überzeugung: Was berührt Sie dort am tiefsten?
Helm: Mich berührt die Schönheit und Würde, die Gott hinein gelegt hat in seine ganze Schöpfung, in jeden Menschen. Und mich bestürzt, dass sie so wenig geachtet und geschützt wird. Weil Gott ein guter Vater und Schöpfer aller ist, kann ich aus christlicher Überzeugung heraus nicht anders als mich zu sorgen und einzusetzen für Geflüchtete und für die Schöpfung.
Lj: Wenn Sie von Gott sprechen: Ist er für Sie Nähe, Stille, Wegbegleiter – oder ein Geheimnis, das trägt?
Helm: Vom Wegbegleiter Jesus habe ich schon gesprochen. Er bringt mir Gott den Vater nahe. Er macht mir begreiflich, wer und wie Gott ist. Und er begeistert mich. Gott ist die allem innewohnende Lebenskraft, die auch in mir pulsiert. Unfassbar, meinem Zugriff entzogen, und doch präsent und wirksam. Ja, ein Geheimnis. Unsagbar. Und doch mir zuinnerst.
Lj: Sie beginnen nun die Kolumne „Was trägt?“: Was wünschen Sie sich, dass Menschen beim Lesen in sich entdecken dürfen?
Helm: Dass sie Gott entdecken in allen Dingen, und dass für sie nachvollziehbar und erfahrbar wird, wie Gott trägt. Denn seine Zuwendung gilt allen, besonders den Hungernden, Bedürftigen, Suchenden.
Lj: Zum Schluss ganz einfach: Welchen kleinen Satz oder welche Ermutigung möchten Sie den Lesenden mitgeben?
Helm: „Gott ist die Liebe. Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott in ihm.“ (1 Joh 4,16)
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben, und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1,53)
Der Primizspruch von Pater Franz Helm SVD – ein Bibelwort, das ihn seit seiner Priesterweihe als persönlicher Leitsatz begleitet.



