Erstellt von Franz Helm SVD
Die Steyler & ich

Pater Franz Helm SVD über Ohrwürmer, die verbinden: von Brasilien bis St. Gabriel

Beschreibung

Manche Lieder bleiben im Ohr – und im Herzen. Darum geht es in der aktuellen Folge der Kolumne „Was trägt?“
Manche Lieder bleiben im Ohr – und im Herzen. Darum geht es in der aktuellen Folge der Kolumne „Was trägt?“

Es sind oft Lieder, die bleiben. Sie wecken die Seele, schaffen Verbindung und geben Halt | Foto: istock

 

Der Steyler Missionar Pater Franz Helm hat viele Wege kennengelernt: das Aufwachsen in einer großen Familie in Niederösterreich, Jahre als Missionar in Brasilien und verantwortungsvolle Aufgaben in Österreich – aber auch Zeiten des Umbruchs durch eine schwere Erkrankung. In seiner monatlichen Kolumne „Was trägt?“ teilt er Gedanken über den Glauben und die Herausforderungen des Lebens

Unlängst hat sich ein Ohrwurm in meinem Kopf verfangen. Und noch dazu ein brasilianischer! „Moises andava na frente. Hoje Moises é a gente quando enfrenta a opressão.“ Auf Deutsch: „Moses ging voran. Heute sind wir Moses, wenn wir der Unterdrückung die Stirn bieten.“ Ich war in St. Augustin bei Bonn, einem Haus der Steyler Missionare (wo übrigens auch die Redaktion von 'Leben Jetzt' zuhause ist). Dort hielt ich einen Vortrag. Ich war eingeladen worden, von Wallfahrten zu erzählen, bei denen die Solidarität mit Benachteiligten ein zentrales Motiv ist. Und da setzte sich der brasilianische Ohrwurm in meinem Hirn fest und begleitete mich tagelang.

Das Lied, in dem Moses vorkommt, hatte ich in Brasilien bei sogenannten „Landwallfahrten“ kennengelernt. Gemeint sind damit Wallfahrten zu Orten, wo landlose Bauernfamilien ein Stück Land besetzt und bebaut haben. Sie fordern eine Landreform. Denn der Großrundbesitz sperrt sie aus vom Zugang zum Ackerboden, den sie für ihr Überleben brauchen. „Heute sind wir Moses...“ Was für ein Selbstbewusstsein! Was für eine Ansage!

Dieses Lied habe ich im Rahmen meines Vortrags gesungen. Und ich habe erzählt, dass in Österreich, im Missionshaus St. Gabriel, auch Solidaritätswallfahrten stattgefunden haben. Die Erfahrung in Brasilien hat uns dazu inspiriert, in Flüchtlingsheimen Gnadenorte der Gegenwart Gottes zu sehen. Wenn gläubige Menschen in Brasilien die Gegenwart Gottes auf Landbesetzungen sehen, dann können wir sie wohl auch in Flüchtlingsunterkünften erahnen. Denn die Bibel zeigt uns: Gott ist da, wo Menschen nach Leben und Zukunft suchen.

Gott war gegenwärtig beim Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten, beim Durchzug durchs Rote Meer und durch die Wüste. So ist er sicher auch gegenwärtig in Flüchtlingsheimen, in diesen Durchzugsstationen auf dem Weg aus Elend und Unterdrückung in die Freiheit, in ein Leben in Würde. Das war unsere Überzeugung, und so pilgerten wir am Stadtrand von Wien von Flüchtlingsheim zu Flüchtlingsheim, 24 Kilometer weit. „Mose ging voran. Heute sind wir Mose…“ Mein Ohrwurm. Er lässt mich nicht los. Auch heute noch nicht. Ich finde es so genial, wie hier direkt eine biblische Geschichte mit der eigenen Geschichte verbunden wird. Wie aus der alten Erzählung ein neues Licht auf die Gegenwart fällt. Wie eine Hoffnungsperspektive entsteht. Und Kraft!

Wenn ich zurückschaue auf mein Leben, dann entdecke weitere Situationen, in denen ich Ähnliches erfahren durfte. Bei meinen „ewigen Gelübden“ damals, bei der endgültigen, lebenslangen Bindung an meine Ordensgemeinschaft, hat mich auch ein Ohrwurm begleitet. „Wo ich gehe: Du. Wo ich stehe: Du!“ Ein Vers aus einem Lied, das „Dudele“ heißt. Gott als das Du, das liebende Gegenüber. Nein, mehr noch: Gott als treuer Wegbegleiter, der mich nie verlässt. Würde das gut gehen mit dem Ordensleben? Ich wusste es nicht. Aber ich vertraute: Gott geht mit. Er verlässt mich nicht. Darauf vertraue ich auch heute noch.

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Zur Rubrik

Pater Franz Helm gehört zum Team für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Mitteleuropäischen Provinz und ist zudem Koordinator der Europa-Zone der Steyler Missionare (SVD). Er lebt im Missionshaus Sankt Gabriel in der Nähe von Wien.

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