Seelsorge im Gefängnis
Beschreibung
In der Justizvollzugsanstalt Willich I leisten Pastoralreferent Andreas Kamphausen und Pfarrer Lutz Aupperle Seelsorge im Gefängnis. Mit Gesprächen, Glauben und Mitmenschlichkeit schenken sie den Gefangenen Hoffnung in der Haft – und sehen vor allem den Menschen, nicht den Straftäter
Vergitterte Fenster, Überwachungskameras, Stacheldraht auf den hohen Mauern rund um das Gebäude: Das Gefängnis ist der Arbeitsort von Andreas Kamphausen. Der 59-Jährige ist der katholische Seelsorger an der Justizvollzugsanstalt Willich I, etwa eine halbe Stunde von Steyl in den Niederlanden entfernt. Hier ist der Pastoralreferent Kamphausen gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen, dem Pfarrer Lutz Aupperle, für 400 Männer da – vom Untersuchungshäftling bis zu lebenslänglich Verurteilten. Nebenan, in Willich II, verbüßen rund 220 Frauen ihre Haftstrafen – und der gesamte Komplex wird derzeit noch erweitert. Innerhalb der Gebäude wirkt alles modern, blitzblank, aber auch kalt und leer. Niemand drängt sich auf den langen Fluren mit den vielen Türen. Sie sind hell erleuchtet von Deckenlampen, weiter als bis zur Außenmauer reicht der Blick durch die vergitterten Fenster nie.
Ein Ohr für die Nöte der Gefangenen
In Kamphausens Büro sieht es dagegen gemütlich aus: Polstersessel, Deckenfluter, „Star Trek“-Bilder an der Wand. Für Kamphausen, der seit drei Jahren in Willich I arbeitet, ist nicht in allererster Linie wichtig, wegen welcher Verbrechen die Männer in der JVA sitzen. „Mich interessiert der Mensch: Wie schaffen wir es, den Menschen, der vor mir sitzt, so zu erkennen, dass ich seine Not nicht nur sehe, sondern lindern kann?“ Diese Nöte drehen sich bei den Gefangenen meist darum, wie die Haft sich auf die Beziehung zur Familie auswirkt: Da ist die Ehe zerstört oder die Kinder ganz entfremdet, aber auch der Umgang mit der eigenen Schuld und die Angst, das ganze Leben sei nun verpfuscht, treiben die Menschen um. Manche beteuern erst mal ihre Unschuld – doch das ist für Kamphausen weniger relevant. Er schaut meist nicht einmal die Akten ein, in denen er die Straftaten sehen könnte. „Manchmal erschrecke ich vor den Biografien der Männer: Sie sind oft mit viel Gewalt und Alkohol aufgewachsen“, berichtet er. Und bei so mancher Tat ist er froh, dass es Gefängnisse gibt: „Da muss die Gesellschaft sich einfach schützen.“ Trotzdem: Ihm ist wichtig, dass die Männer wieder am Leben teilhaben können. Und er findet durchaus, dass auch der Staat da mehr tun könne: Mehr Personal führe etwa zu mehr Resozialisierung. Den Justizvollzugsbeamten, egal wie engagiert, fehle da oft die Zeit neben ihren vielen anderen Aufgaben.
Also hängt er sich rein: Sonntags gibt es immer im Wechsel katholische und evangelische Gottesdienste, donnerstags Gesprächsgruppen und ansonsten immer wieder Einzelgespräche mit den Häftlingen. Die sind beliebt: Während die Unterhaltungen mit Psychologen oder Beamten hinterher ausgewertet werden, ist alles, was Kamphausen und sein Kollege Aupperle erfahren, streng vertraulich. Alleine zu den Gottesdiensten kommen immer 50 bis 60 Personen, darunter auch Muslime. Einen Imam gibt es in Willich I nicht, also erfahren die Männer hier christliche Spiritualität. Manche finden hier gar zum Glauben: Dann kommt ein Priester in die Haftanstalt und tauft. Kamphausen ist überzeugt: „Die Religion hilft den Menschen, die in Krisen stecken. Dann gibt der Glaube ihnen Halt. Gerade im Gefängnis ist der Glaube sehr wichtig.“ Dem stimmt auch Aupperle zu: „Weil die Menschen hier so viel Zeit zum Nachdenken haben und nichts sie ablenken kann, kommen sie eher zur Religion – die spielt hier eine große Rolle.“
Gespräche mit dem Seelsorger geben Halt und Hoffnung
So kommt auch der 25-jährige Mika regelmäßig zu Kamphausen zum Gespräch. Er wurde zu Hause muslimisch erzogen, aber mit dem Seelsorger kann er einfach gut reden: „Die Gespräche fangen mich auf. Auch in der Gruppe können wir über alles Mögliche sprechen. Dabei lerne ich auch mehr über mich selbst. Und das baut auf.“ Bereits seit drei Jahren verbüßt Mika seine Haft, insgesamt wurde er zu elf Jahren verurteilt, wegen schweren Raubes. Nächstes Jahr beginnt er eine Therapie. „Ich habe Fehler gemacht, das muss ich jetzt ausbaden. Aber mein Leben ist deswegen nicht vorbei: Ich arbeite an mir“, erklärt der zweifache Vater. Wenn er die Therapie erfolgreich abschließt und weiterhin so gut kooperiert wie bisher, winkt eine frühere Entlassung aus der Haft – eine starke Motivation. Mika möchte später eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machen, vielleicht auf dem Bau arbeiten. Die Gefängnisstrafe sieht er als Chance: „Hier bekomme ich Hilfe.“ Und auch Kamphausen glaubt, dass Mika nach der Haft eine Chance hat. „Ich glaube an Sie“, sagt er ihm und Mika grinst: „Ich weiß. Ich glaube auch an mich.“
Pastoralreferent Kamphausen sieht sich hier an der „Schnittstelle zwischen Kirche und Welt“, wie er es nennt. Anfangs hätte er bei manchen Straftätern gedacht, dass ihm ein Gespräch sicher schwerfallen würde, etwa, wenn er einen Pädophilen vor sich hat. Doch mittlerweile hat er eine andere Sichtweise darauf: „Das ist eben auch ein Mensch, und der braucht Hilfe.“ Und Hilfe soll er bekommen, von Andreas Kamphausen, von Lutz Aupperle – und von Gott.




