Erstellt von Ulla Arens

Vom Kloster aus ins Weltall

Pater Christoph Gerhard schaut durch ein Teleskop in den Himmel
Ein Blick durch das Teleskop in den Himmel.

Seit 25 Jahren betreibt Pater Christoph Gerhard in der Klostersternwarte Münsterschwarzach Astronomie. | Foto: Ramon Haindl

Mit dem Teleskop erforscht Benediktinerpater Christoph Gerhard das Weltall. Und kommt dabei auch Gott näher

Im Inneren von K 74 wartet die Unendlichkeit. Die Sternwarte, die in astronomischen Datenbanken unter diesem Code bekannt ist, steht unauffällig zwischen Containern und einem Fair-Handel-Markt. Mit bloßem Auge schaut man von dort auf einen Parkplatz, ein Fußballfeld und die Türme der Abtei Münsterschwarzach. Das war’s.

Betritt Benediktinerpater Christoph Gerhard OSB, 59, die Sternwarte und schaut durch das Teleskop, eröffnet sich ihm dagegen die nicht enden wollende Ferne – auf die Planeten unseres Sonnensystems und weit entfernte Galaxien. Immer wieder staunt der Mönch beim Blick nach oben. Sie zeige ihm, so sagt er, etwas von der Größe, Weite und Schönheit der Schöpfung, die uns Menschen geschenkt wurde.

„Ich war acht Jahre alt, als ich im Jahr 1973 den angeblichen Jahrhundertkometen Kohoutek sehen wollte. Und obwohl er bei Weitem nicht so hell war wie erwartet, hat das meine Liebe zur Astronomie geweckt. Ich wollte wissen, was es mit den Sternen auf sich hat. Von meinem ersten selbst verdienten Geld in einem Ferienjob habe ich mir dann ein Teleskop gekauft.“

Später schrieb er Computerprogramme zur Berechnung von Planeten, Kometen und Asteroiden. Nach seinem Abschluss in Elektrotechnik wollte er noch Astrophysik studieren. „Doch dann kam das Kloster dazwischen.“ Sein Teleskop nahm er mit. Damals, 1987, gab es dort noch keine Sternwarte. Als der Komet Hale-Bopp 1996 am Himmel erschien, regte der Abt die Errichtung einer Sternwarte an. Die benutzt Pater Christoph inzwischen dafür, Fotos vom Weltall zu machen. 2019 dann der zweite Bau.

Asteroiden sind für ihn von besonderem Interesse. Er ortet und vermisst sie. Es sind sogenannte „follow up“-Studien. Natürlich wäre es auch spannend, neue Asteroiden zu entdecken, doch dazu fehlt ihm die Zeit. Schließlich arbeitet der Mönch in der Verwaltung, die Astronomie kann nicht mehr als ein Hobby sein. Doch sooft es ihm möglich ist, geht er nachts gegen drei Uhr in die Sternwarte. Die Berechnungen, die er dort an seinem Computer anstellt, gibt er an eine internationale Datenbank in Amerika weiter. Um fünf besucht er dann das Morgengebet. Wenn Pater Christoph durch das Tele­skop schaut oder Berechnungen durchführt, ist er in erster Linie Wissenschaftler, nicht Ordensbruder. Und doch lernt er dabei auch etwas über Gott.

„Was ich sehe – mit dem Teleskop oder meinen bloßen Augen –, erzählt mir etwas darüber, wie groß und umfassend Gott ist. Und wie riesig und weit er es mag, aber auch wie klein. Er ist, glaube ich, überall anwesend – in jedem Lichtjahr und in jedem winzigen Nanometer, in jeder Galaxie und in jedem Atom. Er ist der Initiator, der Urheber der Schöpfung. Er ist die Bedingung der Möglichkeit, dass es einen Urknall gab. Und anders als die Wissenschaft geht sein Handeln über die sichtbare Welt und über die Zeit hinaus.“

Eine Sternwarte in einem Kloster sei keine Seltenheit, betont Pater Christoph. Auch vor ihm habe es bei den Benediktinern As­tronomen gegeben. Aber wie passen Glaube und Sternkunde für ihn zusammen?

„Astronomie eignet sich nicht dazu, den Glauben an Gott zu widerlegen oder zu beweisen. Sie betrachtet vielmehr das, was ist und wie es sachlich zusammenhängt. Der Glaube wiederum ist ein Beziehungsgeschehen. Trotz dieser Unterschiedlichkeit ergänzt sich beides wunderbar. Denn der Glaube braucht die vernünftige Einsicht der Naturwissenschaft – und die Wissenschaft erlangt ihre tiefere Bedeutung durch den Glauben.“

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Astronomie und Glaube in der Geschichte

Sternenkunde und Kirche schließen sich nicht aus. Nikolas Kopernikus (1473–1543) etwa war Domherr zu Danzig. Er fand heraus, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern sich um die Sonne dreht.

Johannes Kepler (1571–1630) wiederum war ein tiefgläubiger Protestant, der sich der Wissenschaft widmete und die Gesetzmäßigkeiten entdeckte, nach denen sich Planeten um die Sonne bewegen. „Erst im 19. Jahrhundert, als Bismarck versuchte, Kirche und Staat voneinander zu trennen, wurde ein künstlicher Gegensatz von Wissenschaft und Glaube konstruiert“, erklärt Pater Christoph Gerhard.

Und zwar mithilfe des Falles Galileo Galilei. „Er wurde zum Naturwissenschaftler stilisiert, der der Kirche zum Opfer fiel.“ Galilei Galileo (1564–1642) benutzte als Erster ein Fernrohr und konnte so nachweisen, dass Kopernikus recht hatte und sich die Erde um die Sonne dreht. Die Inquisition machte ihm deswegen den Prozess – und Galilei widerrief seine Behauptungen. „Das heutige Wissen legt nahe, dass es sich um Probleme mit den damaligen Kirchen­oberen bis hin zu Papst Urban XIII. handelte“, so Pater Christoph. „Sie befürchteten eine Schwächung ihrer Position gegenüber den Protestanten, die die Bibel eher wörtlich nahmen.“

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