Erstellt von Margot Weber

Was kann heute Heimat sein?

Zwei Menschen im Sonnenuntergang
Heimat ist ein Gefühl und dafür sind andere Menschen wichtig

Heimat muss nicht zwingend ein Ort sein, es können auch unsere liebsten Menschen sein | Foto: Harli Marten/unsplash

Ist Heimat ein Ort? Ein Geruch, oder ein Gefühl? Was bedeutet Heimat heute? Viel mehr als die Scholle, auf der wir geboren wurden, sagt der Philosoph Wilhelm Schmid.

Leben jetzt: Wie würden Sie für uns Menschen des 21. Jahrhunderts ­Heimat definieren?
Wilhelm Schmid: Die Heimat verspricht Wärme in unserer kälter werdenden sozialen Welt. Sie weckt die Hoffnung auf Vertrautheit und Geborgenheit anstelle von Fremdheit und Verlorenheit, auf eine Fülle von Sinn anstelle von Sinnlosigkeit. In meiner Heimat kenne ich meinen Platz und kann einfach nur da sein. Ich muss keine Energie aufwenden, um mich neu zu orientieren, Leute kennenzulernen und die Sprache zu verstehen. In meiner Heimat finde ich mich zurecht, dort lebe ich mit großer Gewissheit, Beständigkeit und Verlässlichkeit.

Lj: Kann es einen Vorteil haben, nicht mehr im vertrauten Deutsch­land zu leben, sondern sich, wie manche der ­Steyler Missionare, auf einmal in ­Indo­nesien oder Ghana wiederzufinden?
Schmid: Na klar. Mit der Distanz zur gewohnten Heimat wächst die Fähigkeit zur Reflexion. Die Weite der Welt erweitert das Bewusstsein. Das ist immer ein Gewinn.

Lj: Brauchen wir denn überhaupt eine Heimat?
Schmid: Ja. Niemand kann in völliger Fremdheit leben.

Lj: Heimat ist, glaube ich, für viele Menschen zunächst ­einmal ein konkreter Ort. Oft der ihrer Kindheit.
Schmid: Zur Heimat, das stimmt, zählen zunächst einmal alle Räume, denen ein Mensch sich zugehörig fühlt – beginnend bei seinem Wohnort und seiner Region. Aber dazu gehören auch seine Beziehungen. Es gibt dazu interessante Studien. Bis etwa 2010 lautete in Deutschland die Antwort auf die Frage „Wo ist Ihre Heimat?“ mehrheitlich: „Wo ich geboren und aufgewachsen bin.“ Das hat sich geändert. Seitdem lautet die häufigste Antwort: „Heimat ist, wo meine Freunde und meine Fami­lie sind.“ Der geografische Ort ist auf Platz zwei gerutscht.

Lj: Wann sind wir heimatlos?
Schmid: Wenn wir die Erschütterung spüren, dass etwas nicht mehr so ist, wie es vertraut war. Nicht nur in Bezug auf das Leben an einem Ort, sondern auch auf das Lebens­verständnis, die Weltsicht, die Verbun­denheit mit anderen. Wenn die Welt ungewiss wird, wenn Beziehungen zerbrechen, Grenzen fallen, neue Techniken verunsichern, Arbeitsplätze ­infrage stehen.

Lj: Kann ich mir selbst Heimat sein?
Schmid: „Ich bin überall bei mir“, rappt der französische Schriftsteller und Sänger Gaël Faye – Sohn einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters – in seinem Song Métis („Mischling“) auf dem Album „Rythmes et botanique“ von 2017. Er sagt: „Mein einziges Heimatland bin ich selbst.“ Das bedeutet: Wer sich mit Selbstsorge um sich selbst bemüht, wer Freundschaft mit sich selbst geschlossen hat und sich gerne in der Welt seiner Gefühle und Gedanken bewegt, ist bei sich zu Hause, auch wenn er sich räumlich am falschen Platz fühlt.

Mehr spannende Texte lesen Sie in unserer Zeitschrift

Zur Zeitschrift

Zur Rubrik

Der Lebenskunst­philosoph

Wilhelm Schmid, 70, lebt seit 1980 in Berlin, geboren wurde er in Billenhausen in Bayerisch-Schwaben. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen, promovierte über die Lebenskunst bei Michel Foucault und habilitierte über die Grundlegung zu einer Philosophie der ­Lebenskunst. Er war u. a. außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Erfurt und ist seit 2019 im Ruhestand. Seine Bücher – u. a. über Freundschaft, Gelassenheit oder Selbstfreundschaft – sind allesamt Bestseller geworden. Mit dem Thema „Heimat“ hat er sich in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt.

Das Resultat ist sein Buch „Heimat finden. Vom Leben in einer ungewissen Welt“, erschienen 2021 bei Suhrkamp (D: 14 €, A: 14,95 €, CH: 19,90 CHF)

Teilen