Leben jetzt: Wenn ich abends die Nachrichten sehe – Krieg, Zerstörung, Leid: Muss ich dann ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich trotzdem unbeschwert lache?
Pater Bernd Werle SVD: Die Frage impliziert, dass wir kein schlechtes Gewissen mehr haben müssten, wenn alle Krisen der Welt geheilt wären. Dahinter steckt jedoch ein verzerrtes Menschenbild, jene Vorstellung, der Mensch könne und müsse perfekt sein. So wäre er in der Lage, alles immer besser zu machen. Selbst herstellen könne er sein eigenes Glück und das seiner Mitmenschen und Umwelt. Wer alles selber kann, braucht niemandes Hilfe. Das aber halte ich für eine maßlose und anmaßende Selbstüberschätzung. Wir sind nicht Gott, sondern nur Menschen und damit begrenzt in unserem Können, auch in der Fähigkeit, alles Leid von Mensch und Schöpfung aus der Welt zu schaffen.
Lj: Dann formuliere ich anders: Dürfen wir trotz Krisen Lebensfreude empfinden?
Werle: Natürlich dürfen wir das. Wir müssen es sogar, um handlungsfähig zu bleiben – für uns und für andere. Die eigene Lebensfreude will nicht das Leid der anderen kleinreden. Sie nimmt wahr, dass es vielen Menschen nicht gut geht. Sie sind mir auch nicht egal. Ich weiß mich ihnen solidarisch und betrachte sie als Teil meines Lebens. All das mindert weder meine Lebensfreude noch hindert es mich, auch die schönen Seiten des Lebens, die mir geschenkt sind, zu genießen.
Lj: Was genau verstehen Sie unter Lebensfreude?
Werle: Mir ist zunächst eine Unterscheidung wichtig: „Lebensfreude“ ist nicht gleichbedeutend mit „Spaß“. Spaß ist ein kurzfristiges Vergnügen. Es ist egoistisch auf einen selbst gerichtet und steht heute in Zusammenhang mit einem Verhalten, das uns von der Konsumgesellschaft diktiert wird. Die nämlich weckt, indem sie ihre Angebote ständig ausweitet, in uns ständig neue Wünsche. Wir wollen immer mehr haben. Und weil alles Neue auch schnell langweilig wird, sind wir fast krankhaft auf der Suche nach immer neuen Vergnügungen. Wir kommen nie an den Punkt, an dem Zufriedenheit einkehrt. Stattdessen sind wir aufgeputscht, gereizt, unzufrieden und auch empfindungslos. Stattdessen sind wir aufgeputscht, gereizt, unzufrieden und auch empfindungslos. Papst Franziskus nannte das, was da mit uns passiert, vor Jahren einmal „individualistische Traurigkeit“, der jedes ehrliche Interesse an Mit- und Umwelt verloren gegangen ist. Auf der krampfhaften Suche nach immer neuem Spaß bleibt kein Raum für andere Menschen und auch nicht für Gott. Denn der wird quasi zur Spaßbremse, weil seine Weisungen und sein Gebot der Nächstenliebe unsere angebliche Freiheit ausbremsen.
Lj: Und was ist der Unterschied zur Lebensfreude?
Werle: Da orientiere ich mich gerne am Philosophen und Psychoanalytiker Erich Fromm. Er bringt Lebensfreude mit dem „Sein“ in Verbindung und nicht mit dem „Haben“, also dem Konsum. Als Lebenseinstellung beruht sie zum einen auf der Erkenntnis, dass ich als Mensch einen Wert habe, und zum anderen auf der Überzeugung, dass sich alles zum Guten wenden kann. Sie lebt von der Einsicht, dass zum Menschsein gehört, begrenzt, verletzlich und immer auch abhängig von den Mitmenschen und der Umwelt zu sein. Anders als beim Spaß hat Lebensfreude ihren Ort tief im innersten Innern des Menschen. Sie ist dauerhaft und bricht jedes Zentriertsein auf das eigene Ego auf. Sie verbündet sich mit Werten wie Zugewandtheit, Empathie und Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung. Als innere Lebenseinstellung setzt Lebensfreude schöpferische Energie frei, um Leid und Not zu erkennen und zu überwinden. Lebensfreude lehnt sich gegen Kriegstreiber auf. Sie freut sich über jeden Schritt hin zu Frieden und Versöhnung. Lebensfreude ist dynamisch, das heißt, sie verändert sich mit der eigenen Lebenserfahrung und Lebensgeschichte. Sie kann laut und jubilierend sein – und dann verhalten und still. Weil sie in tiefem Grundvertrauen wurzelt, lässt sie sich die Zuversicht in das Gute nicht zerstören und vermag sogar, Traurigkeit und Angst auszuhalten.
Lj: Und wenn mich die schlechten Nachrichten seelisch erschöpfen?
Werle: Es ist menschlich, sich angesichts des Leids überfordert und erschöpft zu fühlen. In gesunder Selbstsorge darf ich den Fernseher oder das Radio auch mal ausmachen und die sozialen Medien meiden. Wenn mich tiefe Freude darüber erfüllt, ein von Gott geliebter Mensch zu sein, werde ich auch aus dieser Lähmung wieder befreit werden. Sie wird mich nicht erdrücken, sondern in mir schöpferische Kräfte freisetzen, wieder für andere und für mich da zu sein. Wichtig ist es, sich nicht dem Weltschmerz hinzugeben.
Lj: Was meinen Sie damit?
Werle: Es würde ja bedeuten, den Glauben an das gottgeschenkte Gute in mir und meinen Mitmenschen aufzugeben – und damit den an unsere Würde als Ebenbilder Gottes. Es blieben nur bodenloser Pessimismus und Zynismus. Die töten aber jede Freude am Leben. Und das macht wirklich keinen Spaß.




