Erstellt von Xenia Frenkel
Leben & Gesellschaft

Pater Tauchner SVD über den Traum von einer besseren Welt

Beschreibung

Zwei Personen mit Turnschuhen stehen auf einer Steinplatte, in die das Zitat „I have a dream“ von Martin Luther King Jr. eingraviert ist
„Ein Traum, eine Utopie, eine Vision ist etwas, das sich stetig weiter auf etwas anderes hinbewegt", sagt Pater Christian Tauchner

„I have a dream“ – Worte von Martin Luther King Jr., die bis heute nachklingen. Eingraviert in Stein erinnern sie daran, dass große Träume Menschen in Bewegung bringen | Bild: iStock

„Wenn ich nur meinen Vogel in die Welt trage, ist das noch längst nicht der Heilige Geist, es geht darum, Träume zu teilen", ist Christian Tauchner SVD überzeugt. Ein Gespräch über die Strahlkraft guter Träume

Leben jetzt': Wovon träumen Sie gerade?
Pater Christian Tauchner SVD: 
Natürlich vom Frieden. Und zwar im Sinne, was im Mai 1968 einmal Leitgedanke war: „Seien wir Realisten, verlangen wir das Unmögliche!“ Es geht darum, nicht auf das zu setzen, was wir schon können, sondern auf das, was noch sein könnte.

Lj: Der Traum von einer besseren Welt.
Tauchner: 
Alle besseren Welten, auch die gescheiterten, haben mit einem Traum begonnen. Das war so bei Martin Luther Kings „I have a dream", wo er soziale und politische Gegebenheiten aufzählt, die gerade nicht gegeben waren, und bei Dom Hélder Câmara, dem „roten Bischof“ aus Brasilien, von dem der Satz stammt, „wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit“.

Lj: Martin Luther King wurde ermordet.
Tauchner: 
Und nicht einmal das hat die Bewegung hin zu einer anderen, besseren Wirklichkeit beendet. Im Gegenteil. Als man versuchte, seinen Traum zu zerstören, ist er noch viel größer, wirklicher geworden. Bei vielen Völkern ist es so, dass man zuerst einmal schaut, was denn die Träume sagen. Bei den Guarani (in Paraguay vor allem) ist es der Traum: Wir sind unterwegs zu einem Land ohne Übel. Das werden wir nicht erreichen, aber wir bewegen uns darauf zu und gestalten unser Leben jetzt schon in dieser Richtung‘."

Lj: Das himmlische Jerusalem.
Tauchner: 
Wie man sieht, gibt es den Traum, die Utopie von einem Land ohne Übel auch in unserer Tradition. Eine Utopie ist keine Traumtänzerei, sie ist, was - noch - keinen Ort gefunden hat, an dem es sich verwirklichen kann. Der Philosoph Ernst Bloch, ein im besten Sinn großer Utopist, schrieb: „Träumt einer, so bleibt er niemals auf der Stelle stehen. Er bewegt sich fast beliebig von dem Ort oder Zustand weg, worin er sich gerade befindet.“ Darum geht es: Mich nicht festzunageln an meinem jetzigen Ort, nicht anzubinden an das, was und wo und wer ich bin, sondern unterwegs zu sein - zusammen mit anderen.

Lj: Entgeht uns etwas, wenn wir nicht mehr groß träumen?
Tauchner: 
Ja. Leider haben wir uns in eine Welt hineinmanövriert, in der es nur darum geht, das Machbare umzusetzen. Was man machen kann, ist zur Grenze des denkbar Möglichen und Unmöglichen geworden. Aber das stimmt nicht. Ein Traum, eine Utopie, eine Vision ist etwas, das sich stetig weiter auf etwas anderes hinbewegt.

Lj: Kommen wir zur Bibel, in der Träume ja eine große Rolle spielen. Nehmen wir Joseph, der in ägyptischer Gefangenschaft die Träume seiner Mitgefangenen deutet und später auch die des Pharaos. Welche Bedeutung hat diese Traum-Erzählung für uns heute?
Tauchner:  
Es ist ein Versuch, darzustellen, wie Gott in der Geschichte gegenwärtig wird. Interessant ist, dass Joseph den Traum des Pharaos ja gar nicht deutet. Er erklärt ihm vielmehr, „du hast Folgendes geträumt, was du nicht verstehst und als Konsequenz nicht umsetzen kannst. Deshalb erkläre ich dir, was das heißt.“ Daraufhin macht ihn der Pharao zum zweiten Mann im Staat und sagt, „setz das jetzt mal um“. Nicht ein schlauer Verwalter führt ein Sparsystem ein, nein, der Sklave Joseph hat einen Traum, der von Gott kommt, wie sich eine neue Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialform durchsetzen lässt.

Lj: In einer anderen biblischen Traum-Erzählung erscheint Josef, dem Verlobten von Maria, im Schlaf ein Engel, der ihm aufträgt, dass er zu Maria stehen soll. Der Traum löst seine Zweifel….,
Tauchner: 
…und er hilft Josef herauszufinden, worum es wirklich geht. Dass seine Gottesfurcht und Selbstachtung nicht darin liegen, Maria wegzuschicken, sondern sie anzunehmen. Träume können einen Hinweis geben, wo wir stehen, und was unsere Lebensaufgabe ist.

Lj: Der Traum ist demnach nicht nur eine Form von göttlicher Kommunikation, sondern eine Willensbekundung und Handlungsanweisung Gottes?
Tauchner: 
Ja, das glaube ich. Wobei da die bereits erwähnte Gemeinschaftsvermittlung nach Dom Hélder Câmara wesentlich ist. Wenn nur ich meinen Vogel in die Welt trage, ist das noch längst nicht der Heilige Geist. Es geht darum, Träume zu teilen. Zu sagen, „wir Steyler hätten doch gern, dass wir in Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung leben“. Dass wir etwas von der frohen Botschaft weiter verkünden und in aller Klarheit, sagen, Heil ist immer möglich.

Lj: Ich denke da an Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Diesem Traum geht ein Bruderkonflikt voraus, in dessen Folge Jakob wegzieht. Unterwegs träumt er von einer Himmelsleiter, und dass er mit jemandem ringt. Aus diesem Kampf kommt er versehrt, in gewisser Weise aber auch geheilt hervor, mit dem neuen Namen Israel. Später können die Brüder versöhnt auseinandergehen.
Tauchner: 
Jakob wird geheilt vor seiner Angst vor dem Bruder. Und der Traum bietet ihm einen Ausweg: Du kannst woanders hin und dort deinen Frieden finden.

Lj: Apropos Frieden. Wenn man heute einen Friedenstraum zum Ausdruck bringt oder den Traum von sozialer Gerechtigkeit, wird es schnell unangenehm. Müssten wir, müsste die Kirche nicht vielleicht gerade deshalb öfter und mutiger von diesen Träumen sprechen?
Tauchner: 
Das würde uns sicher gut tun. Es passiert ja auch. Der verstorbene Papst Franziskus hat in seinem nachsynodalen apostolischen Schreiben „Querida Amazonia“ -„Geliebtes Amazonien“ - von vier Visionen für ein sinnvolles, gemeinschaftliches, ökologisch vertretbares Leben gesprochen. Er bezog sich dabei nicht einmal zuerst auf die Bibel, sondern auf Dichter aus dem lateinamerikanischen Raum, unter anderem auf Jorge Luis Borges. Franziskus verließ sich darauf, dass Dichter oft eine bessere Sicht dessen haben, was noch kommen kann.

Lj: Ich glaube, wir müssen noch über die Apokalypse, die biblischen Endzeitträume der Propheten sprechen. Das sind ja wahre Albträume.
Tauchner: 
Sie zeigen aber auch an, was über die jetzigen Gegebenheiten hinausgeht. In einer ausweglosen Situation, wo man denkt, schlimmer kann es nicht werden, wird gesagt, das muss nicht so bleiben, es wird ja noch einmal anders kommen. Ich glaube, dass die Apokalypse in Wirklichkeit ein Hoffnungsbuch ist. Sie entwirft einen Traum, wo man sagt, das ist jetzt schlimm, aber nicht das Ende. Es gibt noch andere Möglichkeiten. Übrigens auch solche, die für die Kirche durchaus problematisch sind.

Lj: Wie meinen Sie das?
Tauchner: 
Im neuen Jerusalem gibt es keinen Tempel, keine Kirche mehr, Gott ist direkt zugänglich. Die Menschen werden in eine andere Wirklichkeit und Lebensweise hineingenommen, die die Kirche nicht mehr braucht.

Lj: Als Propheten der Apokalypse verstehen sich neuerdings auch einflussreiche Techmilliardäre wie Peter Thiel, die glauben, Amerika müsse zum Katechon, dem großen Aufhalter" werden.
Tauchner: 
Was bei vielen modernen Prophezeiungen im kapitalistischen Zusammenhang passiert:  Man hätte gerne eine Verlängerung unseres jetzigen wirtschaftspolitischen Systems bis ins Unendliche: die totale Maßlosigkeit. Zum Schaden auch der Umwelt und der Gesellschaft. Nicht jeder Traum ist es wert, geträumt zu werden. Vieles, was man uns als Traum verkaufen will – das Traumhaus, der Traumurlaub, das Traumauto, Traumkleid – brauchen wir doch gar nicht. Insofern, glaube ich, muss man die Verantwortlichkeit für Träume ganz hoch ansetzen. Dass ich also nicht zerstörerischen und schädlichen Träumen nachgehe, sondern andere Träume pflege, von Genügsamkeit, Schlichtheit, Einfachheit, dass ich in einem Alter, wo die Kinder aus dem Haus sind, vielleicht auch meinen kleinen Fiat nicht mehr brauche, weil die Nahversorgung gesichert ist, davon trauen wir uns ja kaum noch zu reden. Nicht mal in der Kirche. Obwohl das die wesentlichen Träume wären, die die notwendigen Veränderungen bringen würden.

Lj: Welchem Traum verwirklichen Sie gerade?
Tauchner: 
Als älterer Mensch sehe ich meine Aufgabe inzwischen darin, beim Träumen zu helfen, eventuell auch ein Traumbegleiter zu werden, auf jeden Fall anzuregen und zu ermutigen, „geh dem Traum nach. Und wenn du gegen eine Wand läufst, geh durch sie durch oder um sie herum“. Für mich besteht kein Zweifel: Das Beste an mir sind meine Träume. Dass ich mir vorstellen kann, dass es eine andere Welt geben kann, an der ich mitarbeiten möchte, damit sie anders wird, menschlicher, gerechter, genügsamer, fröhlicher, schöner, ist doch wunderbar. Ich sehe den Himmel offen.

 

Das ausführliche Interview finden Sie in unserer Zeitschrift

Jetzt abonnieren

Zur Rubrik

Unser Interviewpartner

Der Theologe Christian Tauchner SVD, Jahrgang 1956, leitet das Missionswissenschaftliche Institut der Steyler Missionare in Sankt Augustin.

Teilen