Erstellt von Michael Kreuzer SVD

Pater Kreuzer erklärt die Bibel: Warum wird der verlorene Sohn so bevorzugt?

Pater Kreuzer erklärt die Bibel: Warum wird der verlorene Sohn so bevorzugt?
Pater Kreuzer erklärt die Bibel: Warum wird der verlorene Sohn so bevorzugt?

In der Liebe muss man sich Liebe nicht verdienen, man bekommt sie einfach geschenkt. | Bild: shutterstock

Nicht immer erschließt sich der Inhalt der Bibel beim ersten Lesen. Darum haben wir den Steyler Pater Michael Kreuzer gebeten, sie uns zu erklären.

Wenn ihr das Gleichnis vom barmherzigen Vater lest, ohne den Vater gleich mit Gott zu identifizieren, sondern ihn als „den Vater vom Nachbarhaus“ nehmt, kommt euch dann der verlorene Sohn auch bevorzugt vor?

Mir hat einmal eine Mutter gesagt: „Selbstverständlich würde ich ganz genauso handeln. Ich könnte gar nicht anders. Wie sonst sollte ich reagieren?“

In unseren Familien herrschen andere Regeln als in der Arbeitswelt, in der Schule, auf dem Fußballplatz oder sonst wo. In der Familie muss man sich Liebe nicht verdienen. Da bekommt man sie einfach geschenkt.

Ich habe schon öfter beobachtet: Wenn in einer Familie ein heftiger Konflikt zwischen einem Elternteil und einem Kind ausbricht, dann verhalten sich die Geschwister mit einem Schlag ganz brav. Sie treten unaufgefordert, freiwillig in die zweite Reihe, beschäftigen sich alleine oder spielen miteinander und lassen die Mutter oder den Vater in Ruhe, damit sie/er sich ganz dem „schwierigen Kind“ widmen kann.

Sie wissen und sie ermöglichen es: Dem gehört nun die ungeteilte Aufmerksamkeit. Das ist Liebe – zu den Eltern, vor allem aber zu dem Geschwisterl. Dem „schwierigen Kind“ wird Vorrang eingeräumt, oder besser: dem Frieden, dem Zusammenhalt der ganzen Familie wird Vorrang eingeräumt.

Das Verhalten, das im Gleichnis nicht unserer Erfahrungswelt „Familie“ entspricht, ist nicht das des Vaters, sondern das des älteren Bruders!

Er beharrt auf „Recht und Moral“. Mit diesen Maßstäben kommt eine Familie nicht weit. Sie wird auseinanderbrechen, wenn das oberste Familiengesetz lautet: „Jedem, wie er es verdient.“

In einer Familie braucht es die Maßstäbe von Großzügigkeit, von überraschender und ansteckender Großherzigkeit.

Für Jesus war das Volk Gottes die Familie Gottes. Und er warb unaufhörlich dafür, hier die Gesetze der Familie gelten zu lassen: Umsonst hast du empfangen, umsonst sollst du geben. Teile deinen Geschwistern zu, nicht wie sie es verdienen, sondern genauso unverdient, ungeschuldet und uneinklagbar, wie du vom Vater im Himmel empfangen hast.

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 Michael Kreuzer SVD

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