Erstellt von Ulla Arens

Steyler im Einsatz für Roma-Kinder und gegen Antiziganismus

Steyler im Einsatz für Roma-Kinder und gegen Antiziganismus
Steyler im Einsatz für Roma-Kinder und gegen Antiziganismus

Winken zum Abschied. Die Roma-Eltern haben gelernt, wie wichtig Schule für ihre Kinder ist. | Foto: Ioana Moldovan

Los geht‘s zur Schule – weg von den ehemaligen Kuhställen, in denen die Roma-Kinder leben müssen, weg von Dreck und Gewalt. In Osteuropa haben sie bis heute kaum eine Chance auf eine gute Zukunft. Zu Besuch bei einem Bildungsprojekt in Rumänien – dort versuchen die Franziskaner-Minoriten und eine Steyler Schwester, das zu ändern

Pünktlich um acht Uhr hält der gelbe Schulbus am „Olympiadorf“ außerhalb der rumänischen Stadt Roman, wo die Kinder und einige Mütter bereits warten. Es hat viel geregnet in den vergangenen Tagen, riesige Pfützen durchziehen die unbefestigten Wege. Noch ein wenig müde steigt der achtjährige Alin ein, setzt sich auf seinen Platz am Fenster und wirft durch die Scheibe einen Blick zurück auf sein Zuhause – auf die lang gezogenen, schmutzig-grauen Gebäude. Vier sind es insgesamt.

Den Namen Olympiadorf verdankt die Ansiedlung lediglich einem Wasserturm in der Nähe, der einer olympischen Fackel ähneln soll. Tatsächlich handelt es sich bei den Bauten um eine ehemalige Kolchose, die vor langer Zeit stillgelegt wurde und verfiel. Dann beschloss die Stadt, Teile der heimischen Roma-Bevölkerung dorthin abzuschieben. Man wollte sie nicht in der Nähe wissen.

Ausgegrenzt von der Gesellschaft

In den Ställen, wo früher je 200 Kühe untergebracht waren, leben jetzt 250 Frauen, Männer und Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen: ein Raum für eine Familie. Bis zu zehn Personen sind auf wenigen Quadratmetern eingepfercht – ohne sanitäre Anlagen, ohne Heizung, zum Teil ohne Strom. Ein Wasserhahn muss für ein Gebäude reichen. Draußen auf den Wegen liegt Müll, Container gibt es nur wenige. Das Olympiadorf ist ein Slum, mitten in Europa. Eine Brutstätte für soziale Probleme und Gewalt.

Alin teilt sich ein Bett mit seinen drei Brüdern, sein einziger Besitz ist ein Ball. Er kennt es nicht anders. Dass so ein Leben nicht auch seine Zukunft und die seiner Mitschüler sein muss, dafür engagiert sich die „Fundatia Umanitară Pacea“ der Franziskaner-Minoriten. Seit 2005 betreibt die Organisation, die von Pater Lucian Bobârnac geleitet wird, unter anderem eine Grundschule für Roma-Kinder. Seit zwei Jahren bezahlt der Staat den Lehrer, immerhin. Das Gebäude, der gelbe Schulbus, die weiteren Beschäftigten wie Köchin, Sozialarbeiterin und Psychologe werden von der Fundatia über Spenden finanziert, ebenso wie die Schulmaterialien.

„In öffentlichen Schulen sind Roma-Kinder nicht gern gesehen“, sagt Pater Lucian. Viele Eltern wollen nicht, dass sie neben ihren Kindern sitzen. „Dabei ist Bildung für Roma-Kinder die einzige Chance, dem Kreislauf von Armut und Diskriminierung zu entkommen.“ Doch längst nicht alle Kinder werden regelmäßig zum Unterricht geschickt. Manche müssen betteln gehen, um das Einkommen der Familie zu sichern. Den Eltern ist nicht bewusst, wie wichtig Lernen ist, sie gingen selbst kaum zur Schule, viele sind Analphabeten.

„Die Kinder kommen gern, wollen lernen“, sagt Schwester Maria Chiara Ellecosta SSpS hinzu. Die gebürtige Südtirolerin unterstützt die Arbeit der Fundatia, jeden Tag ist sie dort, um den Kindern Zuwendung, Nähe und Ermutigung zu schenken und sie beim Lernen zu unterstützen. „Es ist eine Aufgabe, die mich erfüllt“, sagt sie.

Eine Chance, dem Olympia-Dorf zu entkommen

Alin kommt im Unterricht gut mit. Mathematik sei sein Lieblingsfach, sagt der ruhige, nachdenkliche Junge. Einen Berufswunsch hat er auch schon: „Ich möchte Polizist werden, um den Menschen zu helfen, dass sie sich nicht mehr schlagen und miteinander streiten.“

Er ahnt nicht, wie schwer, vielleicht unmöglich es für ihn sein wird, als Roma eine bürgerliche Existenz aufzubauen.

Der Großteil der rumänischen Gesellschaft will die etwa zwei Millionen Roma, die im Land leben, nicht als gleichwertig behandeln. Wollte das nie. Etwa 500 Jahre lang lebten die Roma als Leibeigene in Rumänien, ohne Rechte, ohne Eigentum, ohne Zugang zu Bildung. Erst 1856 wurde die Sklaverei in Rumänien abgeschafft. Sie wirkt bis heute nach. Armut, Hoffnungs- und Chancenlosigkeit werden von Generation zu Generation weitergereicht. Die meisten im Olympiadorf leben von der Familienbeihilfe, berichtet Schwester Maria Chiara. Das minimale Einkommen reicht nicht, um das Olympiadorf zu verlassen.

Schwester Maria Chiara besucht das Dorf regelmäßig mit Vorträgen. Sie habe das Gefühl, dass sie die Mütter erreicht, zumindest einige, erzählt sie später. Das erfüllt die Steyler Schwester mit leiser Hoffnung auf ein würdevolleres Leben für die Kinder.

Und, wer weiß, vielleicht schaffen es Alin und seine Freunde tatsächlich, eines Tages dem Olympiadorf zu entkommen.

Mehr zu diesem und anderen Steyler Projekten erfahren Sie in unserer Zeitschrift.

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Der bedrückenden Armut im Olympiadorf zu entfliehen, ist für die Roma kaum möglich. | Foto: Ioana Moldovan

... und was kann ich tun?

Auch in Deutschland sind Vorurteile gegen Roma weitverbreitet. Fragen Sie sich ehrlich: Wie denke ich über Roma?

Sie können sich beim „Bildungsforum gegen Antiziganismus“ über die Geschichte und jetzige Situation der Roma informieren: gegen-antiziganismus.de

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