Erstellt von Xenia Frenkel

Wenn der Partner früh stirbt: Witwe mit 47

Wenn der Partner früh stirbt: Witwe mit 47
Wenn der Partner früh stirbt: Witwe mit 47

Es braucht Zeit, bis sich die Sonne wieder einen Weg durchs Dunkel der Trauer bahnt. | Foto: GettyImages

Elisabeth ist 47, als ihr Mann stirbt, ihre große Liebe. Eine Geschichte über Trauer und den Weg zurück ins Leben.

Es gibt Menschen, die leuchten. Elisabeth ist so ein Mensch, offen, zugewandt, eine erfolgreiche, schöne Frau. Man sieht, dass sie gern lacht. Und doch ist da etwas Durchscheinendes, Zerbrechliches an ihr, etwas, das von Verlust und Trauer spricht. 

Vor sechs Jahren starb Elisabeths Mann nach kurzer, schwerer Krankheit. 47 ist sie damals. Mit seinem Tod geht für sie eine Welt unter. Die Welt, die nur Michael und ihr gehörte. „Wir waren in unserer Ehe kaum einen Tag getrennt, haben alles zusammen gemacht, zusammen gearbeitet und ein wunderbar geselliges Leben geführt. Wir hatten noch so viel vor. Und auf einmal ist alles weg.“

Seither gibt es ein Früher und ein Heute. „Ich war ein sehr aktiver, geselliger Mensch. Heute bin ich verhaltener, nicht mehr ganz so belastbar und leicht wie früher, und vor allem nicht mehr so energiereich. Ich kann zum Beispiel immer noch keinen Sport machen. Energetisch ist mir das einfach nicht möglich.“ 

Ihr jetziges Leben, sagt Elisabeth, sei vor allem Arbeit. Arbeit? Ihre Antwort ist ein strahlendes Lächeln. „Das ist wirklich so. Ich liebe meine Arbeit, sie erfüllt mich und entspricht genau meinen Talenten. Was Besseres kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich habe immer schon viel und gern gearbeitet. Meine Eltern waren selbstständige Unternehmer, so bin ich mit dem Thema Arbeit als etwas durchweg Positivem aufgewachsen. Arbeit gibt Struktur und Halt, auch und gerade in sehr schwierigen Lebensphasen.“

In den ersten Wochen nach Michaels Tod hat Elisabeth die Sorge, nie mehr aus dem Bett aufstehen zu können. „Ich hätte mein Leben für das von Michael gegeben. Er war das Beste in meinem Leben.“

In seinen berühmten Fragebogen stellt Max Frisch die Frage: „Wenn Sie jemand lieben: Warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem anderen überlassen?“ Hat man denn eine Wahl? Natürlich nicht. Elisabeth lebt. „Weil es das ist, was sich Michael für mich wünscht. Er will, dass es mir gut geht und dass ich glücklich bin. Das spüre ich ganz stark.“

Neben der Trauertherapie und langen Spaziergängen mit Hündin Struppi versucht Elisabeth damals mit aller Kraft, die Firma, das Unternehmen, das sie und Michael erfolgreich geführt hatten, am Laufen zu halten. „Im Rückblick war das Unsinn, aber ich wollte eben nicht einfach alles verlieren.“ 

Nach einem Jahr beschließt Elisabeth, die Firma aufzugeben. Sie zieht weg aus der Großstadt, zurück zu ihren Eltern aufs Land, in das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. In der alten Heimat lernt sie eine Künstlerin kennen, die heute ihre beste Freundin ist. „Johanna richtete damals ein Künstlersymposium aus, und ich sagte zu ihr: ‚Wie schade, dass ich nicht dabei sein kann, zehn Tage mit so vielen interessanten Menschen.Aber sie meinte nur: ‚Du kannst doch etwas anderes machen.Ich wollte immer schon ein Kochbuch machen und war überglücklich, sofort loszulegen.“ 

 „Bedingungslose Liebe – die fehlt mir bis heute“ 

Irgendwann in diesen Tagen tanzt Elisabeth unbeschwert zu lauter Musik durch die Halle. „Ich war glücklich, das erste Mal seit Michaels Tod. Es war ein unglaublich schöner und gleichzeitig schrecklicher Moment, weil ich das Gefühl hatte, Michael zu verraten. Heute weiß ich, dass solche Gefühle ganz normal sind, wenn man trauert.“ 

„Die Zeit heilt alle Wunden“, heißt es. Ist das wirklich so? „Am Anfang erträgt man diese Worte nicht, aber es stimmt schon, die Wunde wird mehr und mehr geschlossen. Ich denke nicht mehr jeden Tag bewusst an Michael und trauere auch nicht unbedingt an seinem Todes- oder Geburtstag. Die Traurigkeit überfällt mich eher, wenn ich nach einem fröhlichen Tag nach Hause fahre und auf einmal heftig weinen muss. Aber das ist blitzartig, wie es gekommen ist, nach fünf Minuten auch wieder vorbei.“ 

Was ihr bis heute am meisten fehlt, ist das Gefühl, bedingungslos angenommen zu sein. „Mein Mann war mir gegenüber keineswegs kritiklos, aber er fand mich als Ganzes einfach wunderbar.“ Wie kann man Abschied nehmen von einem geliebten Menschen? Von dem gemeinsamen Leben und den Jahren, die eigentlich noch vor einem liegen sollten? 

Ganz schafft man das vielleicht nie, aber Elisabeth ist in ihrem neuen Leben angekommen. Und auch Gott ist wieder da. „Ich glaube fest, dass mit dem Tod nicht alles aufhört, und stelle mir ganz kindlich vor, dass Michael mir da oben zuguckt und Kraft schickt. Ich weiß, dass er stolz auf mich wäre, auch auf das, was ich in meinem Job leiste. Manchmal spreche ich mit ihm und frage ihn: ‚Wie würdest du dieses Problem angehen?‘“ 

Schritt für Schritt in ein neues Leben aufbrechen 

„Er sagte oft, wir müssten unbedingt einmal nach New York reisen, weil ich noch nie da war. Aber ich meinte immer, dafür ist kein Geld da. Im Gegensatz zu ihm bin ich eher sicherheitsbedürftig. Also hat er das Kleingeld aus seiner Hosentasche immer auf die Bank gebracht und für New York auf ein Sparbuch gelegt. Das hat er mir erst auf dem Totenbett erzählt. Ich habe es noch nicht über mich gebracht hinzufahren, aber ich bin immerhin schon nach Kambodscha und Vietnam gereist. Vor allem habe ich verstanden, dass Geld auch dafür da ist, jetzt und heute etwas Schönes zu machen.“ 

Vor Kurzem hat Elisabeth Michaels Lederjacke weggegeben. „Das war gut, die kann jetzt jemand anderes tragen. Irgendwann kommt vielleicht auch der Zeitpunkt, dass ich nach New York fliege.“ 

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Zur Rubrik

… und was kann ich tun?

  • Seien Sie da, wechseln Sie nicht die Straßenseite. Der Trauernde ist schon verlassen genug. Bitte entziehen Sie sich ihm nicht auch noch. Halten Sie auch mal Stille aus, wenn keine Worte mehr helfen. Aber Ihr Da-Sein hilft bestimmt.
  • Integrieren Sie die Hinterbliebenen in das ganz normale Leben. Denken Sie nicht für sie mit, so nach dem Motto: Vielleicht will sie ja nicht.
  • Fragen Sie einfach; entscheiden und antworten kann der erwachsene Mensch für sich selbst.
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